Toleranz und Wahrheit

Im multikulturellen Kontext wird Toleranz immer wichtiger. Aber was ist Toleranz überhaupt? Und wie beeinflussen sich Wahrheit und Toleranz gegenseitig?

Steht Wahrheit der Toleranz im Weg?

Jesus Christus behauptet von sich in der Bibel: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6) Wenn Christen daran glauben, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist, sind sie dann nicht per se intolerant? Steht die Aussage der Toleranz nicht im Wege? Dabei müssten Christen doch schon allein aus Nächstenliebe in Sachen Toleranz mit gutem Beispiel vorangehen – oder nicht?

Toleranz: Eine Definition

Es ist hilfreich, einen genaueren Blick auf die Definition von Toleranz zu werfen. Laut Brockhaus kommt das Substantiv Toleranz ursprünglich von dem lateinischen Verb „tolerare“: tragen, ertragen, dulden. Seit dem 18. Jahrhundert schwingt darin auch mit, dass man „duldsam, nachsichtig, großzügig, weitherzig“ ist.

Die Brockhaus-Enzyklopädie definiert den Begriff noch etwas genauer als das „Geltenlassen anderer Weltanschauungen, Normen, Werte und Handlungen, besonders im Religiösen (Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit) und in politisch ethisch-sozialen und wissenschaftlich-philosophischen Fragen.“

Aber was meint das „Geltenlassen“ anderer Meinungen genau? Ist meine Toleranz nur dann vorhanden, wenn ich andere Meinungen als gleichwertig betrachte? Im Bezug auf den Glauben ist folgende Definition von Toleranz verbreitet: Nur wer die Religion des anderen wertschätzt, ist wirklich tolerant. Jeder, der seine eigene Religion als einzig wahre oder im Wert höhere betrachtet, wertet andere Religionen damit ab und beweist seine Intoleranz.

Wenn man Toleranz allerdings so definiert, können nur gewisse Annahmen von Wahrheit tolerant sein. Die deutsche UNESCO-Kommission erklärt, dass dies nicht die Forderung von Toleranz sein darf: „Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. […] In Übereinstimmung mit der Achtung der Menschenrechte bedeutet praktizierte Toleranz weder das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen.“1

Das bedeutet: Christen z.B. dürfen ihre Meinung vertreten, ohne ihren Wahrheitsbegriff auf Kosten der Toleranz aufzugeben. Die eigene Religion als alleinige Wahrheit zu betrachten, ist keine Einstellung, die verhindert, dem Nächsten in „Respekt, Akzeptanz und Anerkennung“ zu begegnen, wie die UNESCO-Kommission den Begriff Toleranz zusammenfasst.

Gerade Menschen, die keinen Glauben vertreten, scheinen toleranter zu sein. Denn sie sind oft der Meinung, dass jeder auf die Weise glauben soll, wie er es am besten findet. Aber wie sieht es dann mit der Wahrheit aus? Wie kann Wahrheit im Bezug zur Toleranz verstanden werden? Und in welcher Weise beeinflusst Wahrheit die Toleranz?

Definition Wahrheit

Jeder akzeptiert Wahrheiten. Wenn ein Mensch bestreitet, dass zu diesem Zeitpunkt Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist, weiß er es entweder nicht besser (es liegt ein Irrtum vor), oder er will seinem Mitmenschen eine Lüge vermitteln (es liegt eine Täuschung vor). Niemand würde aber behaupten, dass man diese Wahrheit nicht wissen könnte. Ähnlich sieht es mit anderen Wahrheiten aus, die wir in der Schule oder anderweitig vermittelt bekommen haben: Zum Beispiel Gesetze der Schwerkraft oder mathematische Lösungen. Entweder wurden wir absichtlich falsch informiert, die Lehrer haben sich geirrt, oder wir haben dort tatsächlich wahre Tatsachen gelernt.

Jeder Mensch glaubt also an Wahrheiten. Bei Gesprächen ist man sich bei einigen Themengebieten vielleicht nicht sicher, wer die Wahrheit erkannt hat. Aber keiner würde bestreiten, dass sachliche Wahrheiten existieren. Schule, Wissenschaft und Forschungen wären sonst sinnlos. Das bedeutet, sachliche Wahrheiten sind objektiv und gelten allgemein. Für alle und überall. Auch wenn ich nach Indien, China oder Australien gehe. In früheren Zeiten und auch in Zukunft.

Wahrheit im Religiösen

Unsere Sicht der Wahrheit in der westlichen Welt ist von der Aufklärung geprägt. Dachte man früher noch, dass man die wahrheitsgemäßen Fakten auch im religiösen Bereich erkannt habe, bzw. erkennen könne, so lehnt man heutzutage in diesem Bereich gerne allgemein-gültige Wahrheiten ab. Oft werden nur noch persönliche Wahrheiten oder Teilerkenntnisse der allgemeingültigen Wahrheit akzeptiert.2

Aber ist es so einfach? Muss es nicht auch im religiösen Bereich sachlich-logische Wahrheiten geben? Entweder gibt es Gott oder es gibt ihn nicht. Entweder gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht. Entweder Gott ist mein Erlöser, oder es gibt andere Wege, erlöst zu werden – bzw. es ist gar nicht nötig.

Religiöse Wahrheiten sind notwendig. Ohne sie ist kein Glaube möglich. Sie unterscheiden sich aber von logisch-sachlichen Wahrheiten, weil sie schwerer zu erkennen sind. Und sie scheinen bedeutender zu sein: Sie können den Sinn und das Ziel des Lebens eröffnen – oder aufzeigen, dass Sinn und Ziel für das menschliche Leben nicht existieren.

Wie kann man nun mit der wichtigen Frage: „Gibt es religiöse Wahrheiten“ umgehen? Auf verschiedene Weise:

  • Die Wahrheit ist nicht zu erkennen. Jeder Mensch muss seine geeignete Lebensweise, seinen persönlichen Sinn und die Zielrichtung des Lebens finden. Allgemein gültige Aussagen können nicht gemacht werden, obwohl persönliche Wahrheiten nötig sind. Albert Einstein sagte hierzu treffend: „Wer keinen Sinn im Leben sieht, ist nicht nur unglücklich, sondern kaum lebensfähig.“
  • Die Wahrheit kann auf natürlichem Wege vom Menschen erkannt werden (z.B. durch Wissenschaft). Allerdings erscheint es unwahrscheinlich, dass man Gott beweisen kann – jedenfalls mit wissenschaftlichen Mitteln. Denn Gott steht außerhalb von Zeit und Ort und Verstand. Es kann höchstens Indizien für seine Existenz oder Nichtexistenz geben.
  • Die meisten Religionen sind der Meinung, dass geistliche Wahrheit nur durch Offenbarung erkannt werden kann. Auch der christliche Glaube hat dieses Wahrheitsverständnis, geht aber darüber hinaus. Denn nach christlicher Ansicht ist die Wahrheit eine Person: Gott, der sich als Vater, Sohn (Jesus Christus) und Heiliger Geist offenbart.

Ein angespanntes Verhältnis: Toleranz und Wahrheit

In sachlich-logischen Fragen wird meist keine Toleranz gefordert. Eine falsche Meinung kann widerlegt werden. Im religiösen Bereich ist das anders. Wer hier einen Standpunkt bezieht, muss die Meinung des anderen stehen lassen. Wer hingegen an nichts glaubt oder sich noch keine Meinung gebildet hat, braucht sich nicht bemühen, tolerant zu sein. Er ist es automatisch.3

Wie wichtig einem Menschen die angeblich erkannte Wahrheit ist, entscheidet darüber, ob ihm die Toleranz leicht oder schwer fällt. Wenn ich zum Beispiel der Ansicht bin, dass mein Sitznachbar mit dem Auto umdrehen sollte, um nicht in eine Schlucht zu fahren, ist meine Toleranz ganz schön gefragt, will ich ihm nicht ins Steuer greifen. Schweigen wäre allerdings auch nicht richtig, sonst wäre meine Schuld noch sehr viel größer.

Christen geht es manchmal ähnlich: Ihrer Meinung nach laufen Menschen sinnbildlich wie auf eine lebensbedrohliche Schlucht zu, wenn sie Gott nicht in ihre Leben miteinbeziehen. Will jemand von der Warnung vor dieser Schlucht nichts wissen, braucht es eine große Portion Toleranz – geht es doch um das Wohl des andern.

Christen kommen dieser Toleranz nicht immer nach. In vergangenen Zeiten und auch heute nicht. Die Kreuzzüge, die im Namen der Christenheit geführt worden sind, stellen ein trauriges Musterbeispiel für Lieblosigkeit und Intoleranz dar. Das, was Christen tun, spricht manchmal eine andere Sprache als das, was sie sagen. Theorie und Praxis klaffen immer wieder auseinander.

Das sollte so nicht sein. Denn der Mensch ist nach der Bibel als Ebenbild Gottes geschaffen, dem Gott Freiheit und Eigenverantwortung gegeben hat. Und das höchste Gebot für Christen ist die Nächstenliebe. Jesus betont sogar, dass Christen Frieden stiften sollen (Matthäus 5,9) und die Verantwortung haben, ihre Feinde zu lieben (Matthäus 5,44). Das bedeutet: Christen sollten den Wert einer Person von deren Ansichten und Handlungen unterscheiden. Das beinhaltet auch, sich tolerant zu verhalten: Den Nächsten zu achten, auch wenn dessen Wahrheitsverständnis mit dem eigenen nicht übereinstimmt.

Wenn Christen diesem Gebot der Nächstenliebe nachkommen, ihre Meinung in Liebe vertreten und die Freiheit ihres Gegenübers wertschätzen, ist jeder Vorwurf der Intoleranz fehl am Platz – auch wenn sie verkünden, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist.

Die Wahrheit bekommt ein Gesicht

Wer über die Existenz von geistlicher Wahrheit nachdenkt, hat verschiedene Möglichkeiten herauszufinden, was wahr ist. Entweder mit Logik und Verstand. Oder mit Hinzunahme von Berichten anderer Menschen, die auf übernatürlichem Weg die Wahrheit erkannt zu haben scheinen – auch wenn diese zu prüfen sind.

Eine andere Möglichkeit ist die eigene Erfahrung. Auf unterschiedlichen Wegen kann man sich Gott öffnen, um seine Existenz zu erfahren. Aber auch diese Art ist zweifelhaft. Denn wer oder was begegnet mir und was teilt es mir mit? Die Wahrheit oder die Unwahrheit – und in welchem Bereich des Religiösen was? Ist das, was sich für mich gut anfühlt, auch das Richtige für mich?

Für Christen ist der Kern des Glaubens und des Wahrheitsbegriffes etwas anderes. Christen glauben an Jesus Christus, der von sich selbst sagt, dass er die Wahrheit ist (Johannes 14,6). Jesus Christus hat nach der Bibel als Gott und wahrer Mensch auf der Erde gelebt. Jesus Christus ist nach der Bibel also nicht eine Wahrheit unter vielen oder eine Teilwahrheit, sondern die Wahrheit in Person.

Es gibt also einen Weg der Beziehung, um mit der Wahrheit in Kontakt zu treten. Christen wissen zwar nicht alles, aber sie können auf den verweisen, der Wahrheit ist. Sie haben mehr zu bieten als ihre eigene Erkenntnis oder Meinung. Sie können Menschen einladen, die Wahrheit selbst herauszufinden: In einer Beziehung mit dem lebendigen Gott, der in der Person Jesus Christus die Wahrheit in die Welt brachte. Durch Jesus Christus wird die Wahrheit greifbar.

Weil eine Beziehung aber – noch weniger eine Liebesbeziehung, wie Gott sie sich zwischen ihm und den Menschen wünscht – nicht erzwungen werden kann, sollten Christen die Freiheit des anderen in hohem Maß zu schätzen wissen. Toleranz ist für sie also eine absolute Notwendigkeit, um anderen Menschen die Wahrheit näher zu bringen. Auch Gott schenkt allen Menschen die Freiheit. Er ist tolerant. Christen sollten es auch sein – und dennoch nicht schweigen. Sie haben die wichtigste Botschaft der Welt!

Ein Fazit

Toleranz ist nicht ohne Grund ein hohes Gut in der pluralistischen, westlichen Welt. Nur durch Respekt ist gesellschaftliches Zusammenleben möglich. Auch die Brockhaus-Enzyklopädie schreibt in Bezug zur Toleranz: Sie ist „in der menschlichen Kommunikation eine Grundbedingung für die freie, vernünftige Auseinandersetzung.“ Es ist darum nötig, dass sich die Toleranz von Christen und Nichtchristen zeigt – natürlich in der Spannung zwischen Wahrheit und Toleranz. 

1 www.unesco.de

2 vgl. Siegfried Kettling, Toleranz und Wahrheit, wie Hund und Katze?, S. 8 ff.

3 ebd.