Warum musste Jesus sterben?

Braucht Schuld Sühne? Gedanken über das zentrale Symbol des christlichen Glaubens: das Kreuz.

Kann ein Mensch, der 16.000 Menschen auf dem Gewissen hat, Vergebung erlangen? Kaing Guek Eav war „Folterknecht Nummer eins“ des kambodschanischen Diktators Pol Pot und seiner Roten Khmer und für den Tod von geschätzten 16.000 Männern, Frauen und Kindern verantwortlich, die unter seiner Aufsicht auf bestialische Weise zu Tode gefoltert wurden.

Nach dem Ende der Terrorherrschaft bekehrt sich Kaing Guek Eav. Er ist überzeugt: Gott hat ihm vergeben. Als seine Bekehrungsgeschichte bekannt wird, ist die Entrüstung groß. Kann Gott einem 16.000-fachen Mörder vergeben? Auch in Deutschland bewegt diese Frage die Gemüter: So schreibt ein Leser auf welt.de: "Gott - vergib den Dummen, denn sie wissen es nicht besser. Die Wahnsinnstaten dieser Menschen sind nie vergeben [...]“

Warum fällt es Menschen schwer, anderen Vergebung zuzugestehen? Hat es mit dem Ausmaß der Schuld zu tun? Wo ist die Grenze? Ab wann wird Vergebung ungerecht? Egal, wie man diese Fragen beantwortet, eins wird deutlich: Im Menschen scheint es einen Sinn für Gerechtigkeit zu geben. Etwas, das ihn erkennen, glauben und mitunter leidenschaftlich vertreten lässt: Unrecht einfach so vergeben – das geht nicht. Schuld braucht eine Wiedergutmachung. Um es biblisch auszudrücken: Schuld braucht Sühne.

Wie viel Sühne braucht Gott?

Am theologischen Reißbrett erscheint der Sühnegedanke vielen Menschen grausam. Warum sollte ein liebender Gott ein Opfer als Sühnung brauchen? Ist Gott, wie er in der Bibel beschrieben wird, etwa mit antiken Göttern, deren Zorn durch ein Opfer besänftigt werden muss? Zuletzt wurde die Frage nach dem stellvertretenden Sühnetod Jesu Ende 2009 intensiv in Kirchen, Gemeinden und selbst in säkularen Medien diskutiert. Doch woher kommt der Gedanke, dass es eine Genugtuung, eine Satisfaktion für die Sünden des Menschen geben muss? Und wie erklärt eigentlich die Bibel den Tod Jesu?

Anselm von Canterbury

Als Urheber der Satisfaktionslehre wird allgemein Anselm von Canterbury angesehen. Der Italiener Anselm wurde 1093 nach der normannischen Eroberung zum Bischof von Canterbury ernannt. Er gilt als erster Vertreter der Scholastik, die im Mittelalter versuchte, Philosophie und Theologie miteinander zu versöhnen. In seinem Epoche machenden Werk „Cur Deus Homo?“ (Warum wurde Gott Mensch) stellt er das Kreuz als biblisch begründeten und einzig logischen Weg dar, wie die geschmähte Ehre Gottes wieder hergestellt werden könnte. Gott, so Anselm, ist nicht in der Lage, über die Vergehen des Menschen einfach hinwegzusehen.

„Es ist Gott nicht angemessen, die Sünde so ungestraft zu lassen. Es ist mehr als unangemessen; es ist unmöglich. Wenn es Gott nicht wohl ansteht, irgendetwas auf ungerechte oder regelwidrige Weise zu tun, dann liegt es nicht im Bereich seiner Freiheit oder Freundlichkeit oder seines Willens, den Sünder ungestraft zu lassen, der Gott nicht zurückzahlt,was er ihm genommen hat“.1

Nach Anselms Logik kann eigentlich nur Gott, diese Genugtuung (Satisfaktion) leisten, wobei es der Mensch ist, der sie eigentlich leisten müsste. Der Ausweg aus dem Dilemma kann deshalb nur darin bestehen, dass ein „Gottmensch“ diese Genugtuung bringt.

Anselms Deutung des Todes Jesu wirkt auf den modernen Leser vielleicht befremdlich, klingt aber logisch. Will man den Tod Jesu verstehen, ist aber letztlich nicht die Logik entscheidend, sondern die Selbstaussage der neutestamentlichen Autoren.

Wie alles begann

Wenn man vom Kreuz redet, muss man vom Menschen reden und von der Welt, in der er lebt. Die Einleitung im ersten Buch der Bibel, dem 1. Mosebuch, stimmt dabei den Grundton für die ganze Bibel an. Die Welt, in der wir leben, ist eine Welt voller Glanz und Grausamkeit. Der menschliche Geist hat sich die Pyramiden ausgedacht, die Fresken der Sixtinischen Kapelle entworfen und - die Baupläne für die deutschen Konzentrationslager und russischen Gulags. Letztlich geht es um die Schuld der Welt und die Zerrissenheit der gesamten Schöpfung, wenn man über das Kreuz nachdenkt. Dabei kann man sich dem Kreuzesgeschehen aus biblischer Sicht von verschiedenen Blickwinkeln nähern.

Der Tod Jesu als Loskauf des Menschen aus der Sklaverei von Tod und Sünde

Die neutestamentlichen Autoren sehen in der Welt Kräfte am Werk, die den Menschen unfrei machen: die Sünde und den Tod. Dabei wird Sünde nicht in erster Linie als Einzeltat verstanden, sondern als eine tief im Menschen sitzende Macht. Paulus drückt das in seinem Brief an die Römer so aus:

"Ich tue nicht das Gute, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht tun will. Wenn ich aber das, was ich tue, gar nicht tun will, dann handle nicht mehr ich selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Ich stelle also folgende Gesetzmäßigkeit bei mir fest: So sehr ich das Richtige tun will – was bei mir zustande kommt, ist das Böse. Zwar stimme ich meiner innersten Überzeugung nach dem Gesetz Gottes mit Freude zu, doch in meinem Handeln sehe ich ein anderes Gesetz am Werk. Es steht im Kampf mit dem Gesetz, dem ich innerlich zustimme, und macht mich zu seinem Gefangenen. Darum stehe ich nun unter dem Gesetz der Sünde, und mein Handeln wird von diesem Gesetz bestimmt." (Römer 7,19-23)

In diesem Kontext wird der Tod Christi als Lösegeld verstanden, das Gott bezahlt hat, um den Menschen freizukaufen und ihn von den versklavenden Mächten der Sünde und des Todes zu befreien. War bis dahin das Einhalten des Gesetzes, also das gute, ethische Leben der Maßstab für Frömmigkeit, so ist es jetzt das Vertrauen in Jesus, das über das Verhältnis zu Gott entscheidet. Wenn ein Regelwerk, an dem man immer wieder scheitert, seine Gültigkeit verliert, dann schaut man nicht mehr wie die Schlange aufs Kaninchen und wird plötzlich frei, das Gute zu tun. Nicht, um Regeln einzuhalten, sondern weil sich auf einmal die Perspektive geändert hat. Ich versuche nicht gut zu sein, um Gott zu beeindrucken. Ich verhalte mich plötzlich anders, weil ich weiß, dass Gott gut zu mir ist und mich liebt – unabhängig von meinem Verhalten.

Zu den versklavenden Mächten gehört auch der Tod. Die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit wird nach Aussagen der Bibel zu einer Macht, die das ganze Leben beherrscht und unfrei macht (Hebräer 2,14f). Wer durch den Glauben an Jesus eine Ewigkeitsperspektive bekommt, muss nicht mehr krampfhaft versuchen, so viel Leben wie möglich ins Diesseits zu pressen und kann gelassen mit Fehlern, Versagen und Brüchen im eigenen Leben umgehen – gerade auch angesichts des Todes. Der Tod verliert seine bedrohliche Macht. Er wird zum Beginn eines neuen Lebens. Genau dies meint der Komponist Mozart, wenn er vom Tod als „Schlüssel“ zur „wahren Glückseligkeit“ spricht:

„Ich habe mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat, mir die Gelegenheit zu verschaffen, ihn als Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen…"2

Das Kreuz als Gericht und Sühneopfer für die Sünde der Welt

Das Kreuz als Gericht über die Sünde der Welt geht davon aus, dass Gott die Sünde verurteilt. Er tut dies, weil sie seinem Wesen widerspricht und Mensch und Welt zerstört. Dabei schließt die Verurteilung die Urheber bzw. die an den Sünden Beteiligten mit ein. Deshalb ist das Gericht über die Sünde letztlich auch als ein Strafgericht über den Sünder zu verstehen. Und genau dieses Strafgericht übernimmt nun der Sohn Gottes, indem er die Sünden der Welt trägt (2. Korinther 5,21): Der Theologe Edmund Schlink schreibt dazu:

„Diese Deutung des Todes Jesu in der Begrifflichkeit des Strafrechtes steht dem historischen Geschehen insofern am nächsten, als Jesus aufgrund eines Strafprozesses hingerichtet worden ist. Aber es wird dieser Prozess nun ganz anders gedeutet, als es in den Entscheidungen der damaligen Richter der Fall war: er ist nicht Schuldiger, sondern als der Unschuldige hingerichtet. Sein Tod ist nicht das Ende seiner Heilsbotschaft an Israel, sondern die Verwirklichung des Heils für Israel und alle Völker. “3

Der Tod Jesu am Kreuz ist also Gottes Antwort auf die zerstörerische Macht der Sünde, die den Menschen gefangen nimmt und die Schöpfung zerstört. Durch dieses Gericht wird also etwas zurechtgerückt, was aus den Fugen geraten ist und Menschenleben kostet. Durch das Gericht wird Gerechtigkeit wiederhergestellt.

Das Motiv des Kreuzestodes Jesu als Sühneopfer für die Sünden der Welt ist tief in der christlichen Überlieferung verwurzelt und gehört zu den ältesten Zeugnissen der neutestamentlichen Texte. Nach der Abendmahlsüberlieferung hat Jesus selbst seinen Tod in dieser Hinsicht gedeutet (Markus 14,24: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“). Besonders eindrücklich wird diese Deutung im Hebräerbrief ausgeführt, wo Jesus als das eine, perfekte Opfer beschrieben wird.

Der bedeutendste Unterschied – auch für die weiteren Überlegungen – ist jedoch, dass Christus im Vergleich zu Kälbern und Böcken nicht geopfert wurde, sondern sich selbst als Opfer gebracht hat (Hebräer 9,14).

Es wird hier also deutlich, dass es nicht darum geht, einen zornigen Gott zu besänftigen, sondern eine Gerechtigkeit zu bekommen, die vor Gott gilt und die nichts und niemand vor ihm hinterfragen kann.

Das Kreuz als Versöhnung mit Gott

Gerade im Hinblick auf die aktuelle Sühnetoddebatte ist der dritte Aspekt des Kreuzestodes Jesu wichtig. Macht er doch deutlich, dass sich bei genauerem Hinsehen eine völlig andere Perspektive auf das Opfer Jesu eröffnet. Es wird deutlich, dass es nicht ein zorniger Gott ist, der versöhnt werden muss, sondern eine Menschheit, die einem zur Versöhnung bereiten Gott feindlich gegenüber steht:

„Alles aber von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat, nämlich dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete und in uns das Wort von der Versöhnung gelegt hat.“ (2. Korinther 5,18)

Es ist also nicht Gott, der dem Menschen feindlich gegenüber steht, sondern der Mensch, der sich gegen Gott und seine guten Gebote, die Leben erst ermöglichen, wendet. Immer dort, wo der Mensch dem Menschen zum Wolf wird, zeigt sich, dass Menschen nichts so sehr brauchen wie Versöhnung. Immer da, wo der Mensch dem Menschen ins Gesicht schlägt, trifft er auch den Schöpfer. Aus dieser feindlichen Haltung heraus muss der Mensch versöhnt werden. In Christus begegnet er dem Menschen und dem Gott, der selbst den Schlag entgegennimmt – und die Verurteilung des Schlägers.

Wege zum Kreuz: Gott gibt sich selbst - „für uns“

Der Gedanke vom Kreuz als einem rettenden Gericht über die Sünde der Welt findet sich in den ältesten Überlieferungen, die bereits in den frühesten neutestamentlichen Schriften als überliefert vorausgesetzt werden. So schreibt Paulus im Brief an die Korinther:

„Zu dieser Botschaft, die ich so an euch weitergegeben habe, wie ich selbst sie empfing, gehören folgende entscheidenden Punkte: Christus ist – in Übereinstimmung mit den Aussagen der Schrift – für unsere Sünden gestorben.“ (1. Korinther 15,3f).

Wer vom Tod Jesu am Kreuz redet, der stößt immer wieder auf diese zwei Wörter, die für alle Aspekte des biblischen Redens vom Kreuzesgeschehen zentral sind: „für uns“. Was am Kreuz geschah lässt sich weder systematisch-apologetisch noch logisch-abstrakt wirklich hundertprozentig erklären. Wer dem Geheimnis des Kreuzes auf die Spur kommen will, der muss sich dem Kreuz persönlich nähern, als Empfangender. Je deutlicher mir die eigene Schuld ist, desto dankbarer bin ich für das Angebot der Vergebung, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wie es geschieht.

Das Kreuz versteht letztlich nur der, der sich dem gekreuzigten Christus anvertraut und sein ganzes Leben – Schuld und Verdienst inklusive – auf ihn wirft. Wer das Kreuzesgeschehen aus der Ferne betrachtet, sieht zwei Verbrecher, die am Kreuz hängen und ein Opfer eines Justizirrtums. Wer unter dem Kreuz steht, erkennt, dass hier Gottes Sohn hängt – für die Schuld der Welt und für meine eigene.

Und dem wird auch klar, dass hier kein antiker Gott ein Racheopfer fordert, um seinen Zorn zu besänftigen. Sondern der erkennt, dass hier Gott selbst sein Leben gibt. Die Relevanz der Dreieinigkeit Gottes wird spätestens hier deutlich. Wenn ich trinitarisch über das Kreuzesgeschehen rede und es im Hinblick auf die rettende Liebe Gottes entfalte, dann wird klar: Gott selbst geht ans Kreuz – für mich!

1 John Stott, Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens, S.150.

2 Brief vom 4. April 1787, in: W. Hildesheimer (Hrsg.), Mozart Briefe, Insel Taschenbuch 1975,S. 201f. nach w-o-deutsch.de/mozart/ (Stand 24.2.2010)

3 Schlink, Ökumenische Dogmatik, 343.