Ostern und die Auferstehung: Wenn Jesus nicht mehr auf die Bühne darf

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Mensch von den Toten aufersteht. Was spricht dennoch dafür, dass es bei Jesus anders war?

Bei den Passionsspielen 2011 im österreichischen Thiersee warteten 18.000 Zuschauer am Ende des Stücks vergeblich darauf, dass der auferstandene Jesus auf die Bühne tritt. Der Regisseur Diethmar Straßer möchte damit zu einer neuen Sichtweise in Bezug auf das Thema Auferstehung herausfordern. Er will zeigen, dass man auch glauben kann, ohne zu sehen, ohne einen Beweis der Auferstehung vor Augen zu haben. Damit trifft der Künstler einen zentralen Gedanken, der die Menschen nicht erst seit der Moderne beschäftigt: Kann man auch ohne Beweise an die Auferstehung glauben? Wie wahrscheinlich ist ein Ereignis, das sich der menschlichen Vernunft von vornherein zu verschließen scheint?

In guter Gesellschaft

Zu allen Zeiten taten sich Menschen schwer, an Unwahrscheinliches und Wunder zu glauben. Selbst die Autoren des Neuen Testaments verschweigen nicht die Skepsis, mit der etliche der Jünger Jesu den Berichten von der Auferstehung begegnet sind.

Das vielleicht gewichtigste Argument gegen die Wahrscheinlichkeit der Auferstehung findet sich somit nicht in der Literatur von Skeptikern und Zweiflern, sondern in den Evangelien selbst. Sie berichten übereinstimmend, dass die Jünger erst dann an die Auferstehung glaubten, nachdem sie selbst dem auferstandenen Jesus begegnet sind. Einzig und allein die Zeugenaussage einzelner Jünger hat ihren Freunden nicht gereicht. Erst die Begegnung mit Jesus selbst hatte sie überzeugt.

Damals wie heute

Wer sich also schwer tut, an die Auferstehung zu glauben, befindet sich in guter Gesellschaft. Selbst den ersten Jüngern ging es nicht anders. Als sie von einigen Frauen hörten, dass Jesus auferstanden sei, reagierten sie mit Unglauben. Im Buch des Evangelisten Lukas heißt es: „Als die Frauen den Aposteln sagten, was sie erlebt hatten, hielten die es für leeres Gerede und wollten ihnen nicht glauben." (Lukas 24,10) Auch damals war man skeptisch, prüfte und zweifelte.

Das zeigt, dass auch die Menschen der Antike sehr wohl zwischen Mythen und Fakten unterscheiden konnten. Man kann es sich also nicht zu leicht machen und behaupten: Der antike Mensch hatte ein anderes Wirklichkeitsverständnis, bei ihm waren die Grenzen zwischen Fiktion und Tatsachenbericht fließend. Auch antike Schriftsteller konnten sehr wohl zwischen Märchen und Tatsachen unterscheiden. Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) grenzt zum Beispiel in seinem Buch über Poesie den Dichter deutlich vom Geschichtsschreiber ab. Die Aufgabe des Geschichtsschreibers sei es, über Fakten zu sprechen: "Der Geschichtsschreiber erzählt nicht, was geschehen könnte, sondern was geschehen ist."

Davon zu sprechen, dass Jesus nur im übertragenen Sinne auferstanden sei, wie es z.B. historisch-kritische Theologen seit Rudolf Bultmann tun, wird dem Selbstverständnis der neutestamentlichen Autoren nicht gerecht. Sie wollen ihre Berichte als historische Beschreibungen verstanden wissen, wie der Evangelist Lukas in der Einleitung zu seinem Evangelium deutlich macht (Lukas 1,1-4).

Dieser Meinung ist auch einer der bekanntesten Kritiker und Skeptiker der Auferstehung, Gerd Lüdemann. Er kommt zwar mit der Textkritik der historisch-kritischen Methode auch zu dem Ergebnis, dass Jesus nicht wirklich auferstanden ist, denkt aber dieses Ergebnis konsequent zu Ende: Wenn Jesus nicht auferstanden ist, dann macht es auch keinen Sinn, zu ihm zu beten. Dann verehren Christen bestenfalls einen toten Religionsstifter. Konsequenterweise hat er sich vom christlichen Glauben losgesagt. Es wird also deutlich: Die Frage, ob die Auferstehung wirklich ein historisches Ereignis war und nicht nur ein tröstlicher Mythos, ist ganz zentral für den christlichen Glauben.

Eine Frage der Wahrscheinlichkeit: Wie viele Auferstehungen gab es eigentlich bis heute?

Um in den Naturwissenschaften zu gesicherten Ergebnissen zu kommen, muss man in der Regel mit Experimenten arbeiten, deren Ergebnis sich beliebig oft wiederholen lässt. Das ist im Hinblick auf die Auferstehung natürlich schwierig. Selbst wenn vor meinen eigenen Augen ein Mensch von den Toten auferstehen würde, wäre das noch kein Beweis, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist. Es würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Jesus vor über 2.000 Jahren aus dem Grab auferstanden ist, aber es wäre kein Beweis.

Eine Frage des Weltbildes: Wunder gibt es immer wieder

Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit ist auch eine Frage nach dem eigenen Weltbild. Glaube ich, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die ich nicht erklären kann, dann bin ich wahrscheinlich offener für Berichte von Ereignissen, die man als Wunder bezeichnen würde.

Es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen von Wundern sprechen. Die Frage nach der Auferstehung ist also auch zugleich die Frage nach meinem eigenen Weltbild. Und dieses Weltbild gerät manchmal sanft, manchmal sehr heftig ins Wanken.

Der Mediziner und Theologe Manfred Lütz berichtet, wie er die Geburt seiner Tochter als Wunder erlebt hat. Viele Eltern werden das nachvollziehen können. Die Welt nahm am 7. November 1963 Anteil am Wunder von Lengede, als durch mehrere glückliche Fügungen nach einem Grubenunglück elf Bergleute nach zehn Tagen ohne Nahrung geborgen werden. Als am 15. Januar 2009 der Pilot eines US-Airways Fluges seinen Airbus auf dem New Yorker Hudson River notlanden musste, sprach alle Welt ebenso von einem Wunder. Und als eine Woche nach dem Erdbeben in Japan eine 80-jährige Frau lebendig mit ihrem Enkel aus ihrem Haus gerettet wurde, sprach die Welt vom Wunder von Ishonimaki.

Manche dieser Wunder scheinen spektakulärer als andere, manche sortiert man mit Achselzucken unter "Glück gehabt" ein, andere wiederum lassen mich das eigene Weltbild hinterfragen. Vor allem dann, wenn man ganz nah an dem Geschehen dran war.

Ganz nah dran

Dieses Ganz-nah-Dransein ist auch etwas, was ich an den Berichten der neutestamentlichen Autoren feststelle. Die Geschehnisse um Ostern haben sie erschüttert, haben ihr Weltbild auf den Kopf gestellt. Manches in den Berichten wirkt seltsam, wie zum Beispiel das sauber zusammengelegte Grabtuch (Johannes 20,6). Manches überraschend profan, wenn beispielsweise die Jünger nach dem Tod Jesu gemeinsam fischen gehen, um auf andere Gedanken zu kommen (Johannes 21). Manches erscheint widersprüchlich. Waren es eine, zwei oder drei Frauen, denen Jesus zuerst erscheint? (vgl. Johannes 20Lukas 24 und Markus 16Matthäus 28).

Ich merke den Berichten das Bemühen an, alles genau und akkurat zu berichten. Gleichzeitig spüre ich die persönliche Betroffenheit. Umso wichtiger ist es herauszuarbeiten, was denn nun konkret für oder gegen die Auferstehung Jesu spricht.

Wer etwas darüber herausfinden will, ob ein Ereignis wirklich stattgefunden hat, der muss sich an die Geschichtswissenschaft wenden. Ihr stehen andere Methoden zur Verfügung als der Naturwissenschaft. Hier geht es darum, mit Quellen zu arbeiten und zu fragen: Wie gut ist ein Ereignis bezeugt? Und wie vertrauenswürdig sind die Zeugen, die über ein Ereignis berichten?

Spurensuche: Was geschah wirklich?

Betrachte ich die unterschiedlichen Berichte, bekomme ich wie bereits erwähnt den Eindruck, dass manches durcheinander geht. Das könnte man als Argument dagegen verstehen, dass Jesus wirklich auferstanden ist. Würden alle über dieselbe Wahrheit berichten, dann müssten die Berichte doch lückenlos übereinstimmen. Andererseits: Wenn sie alle lückenlos übereinstimmen würden, wäre das nicht eher ein Beweis dafür, dass sie ordentlich geglättet wurden, um das Ganze glaubwürdig erscheinen zu lassen? Und schnell wird deutlich: Die Voreinstellung, mit der ich an die Fragen herangehe, entscheidet auch über das Ergebnis.

War das Grab leer?

Was ich als gesetzt sehen kann, ist auf jeden Fall, dass das Grab leer war – auch wenn Gerd Lüdemann in dieser Frage alle ihm zur Verfügung stehenden Register zieht, um das Gegenteil zu beweisen. Wäre das Grab nämlich nicht leer gewesen, hätte die klerikale Elite, die für den Tod Jesu verantwortlich war, leichtes Spiel gehabt. Sie hätten auf das Grab Jesu verweisen können und die Gerüchte um die Auferstehung wären ein für alle Mal beseitigt gewesen. Doch weil das Grab leer war, mussten sie behaupten, die Jünger hätten den Leichnam gestohlen (Matthäus 28,13). Dass Paulus und die anderen Briefeschreiber des Neuen Testaments das leere Grab nicht erwähnen, zeigt, dass diese Tatsache zur Zeit der Abfassung der Briefe unumstritten war. Das macht aber auch deutlich, dass es als alleiniges Argument für die Auferstehung nicht ausreichte.

Zwielichtige Zeugen

Ein relativ gewichtiges Argument für die Historizität der Auferstehung ist jedoch die Tatsache, dass alle Evangelienberichte als erste Zeugen Frauen nennen. Frauen waren damals vor Gericht Zeugen zweiter Klasse. Dennoch entscheiden sich die Chronisten der Evangelienberichte dafür, diese Frauen als Zeugen anzuführen. Paulus hat diesen Mut nicht. Er entscheidet sich in seinem Brief an die Korinther dafür, auf die Frauen als Zeugen zu verzichten. Er nennt stattdessen Petrus und 500 weitere Personen als erste Zeugen (1. Korinther 15,6). Das führt zu einem weiteren interessanten Hinweis: Die meisten der Zeugen, die Paulus benennt, waren zur Zeit der Abfassung seines Briefes noch am Leben. Es wäre also Skeptikern ein Leichtes gewesen, persönlich bei den Zeugen nachzufragen.

Der Grund der Hoffnung

Das meiner Meinung nach stärkste Argument ist jedoch die Tatsache, dass die Jünger Jesu trotz der schnell aufkeimenden Verfolgung an ihrem Glauben festhielten. Ein Glaube, der auf Autosuggestion, Manipulation oder bewusster Täuschung beruht hätte, wäre nicht imstande gewesen, diesem Druck standzuhalten. Zwar gab es auch im frühen Judentum immer wieder Bewegungen, die auch nach dem Tod des Meisters eine Zeit lang anhielten und Märtyrer hervorbrachten. Jedoch waren in diesen Bewegungen Menschen bereit, für ihren Meister zu sterben, gerade weil dieser tot war. Sie wollten für seine Ideale, seinen Traum von Freiheit sterben. Nicht aber für eine skurrile Behauptung wie die Auferstehung. Die Auferstehung – und das zieht sich durch den gesamten Rest des Neuen Testaments – war der Grund, warum die Lehre von Jesus in einem neuen Licht erschien und auch ganz neu verstanden wurde.

All diese angeführten Argumente sind Indizien, keine Beweise. Und wie bereits erwähnt: Je nachdem, mit welcher Prämisse ich an das Thema herangehe, fällt auch mein Fazit aus. Ich komme also irgendwann an einen Punkt, an dem ich mich entscheiden muss. Für wie wahrscheinlich halte ich es, dass Jesus auferstanden ist? Die Beantwortung dieser Frage muss ich persönlich treffen. Es ist eine Frage, die nicht nur akademischer Natur ist. Denn je nachdem, wie ich sie beantworte, hat sie ganz persönliche Auswirkungen auf mich. Denn mindestens genauso wichtig wie die Frage, ob Jesus auferstanden ist, war für die ersten Jünger die Frage bzw. die Erkenntnis, was sich aus dieser Tatsache ergibt.

Eine Machtfrage

Wenn Jesus tatsächlich auferstanden ist, dann erscheinen seine Worte, seine Aussagen über sich, seine Lehre vom Reich Gottes in einem ganz anderen Licht. Wenn Jesus auferstanden ist, dann ist er der, der er behauptet hat zu sein. Dann ist er Gottes Sohn. Dann ist auch offensichtlich, wer angesichts der wirklich drängenden Fragen dieser Welt das Sagen hat. Denn eins war den Jüngern Jesu von Anfang an klar: Wenn einer den Tod besiegt hat, dann gibt es Hoffnung für das eigene Leben, aber auch für eine Welt, die oft aus den Fugen geraten scheint. Und diese Hoffnung war so stark, dass sie auch die frühen Verfolgungssituationen überstand. Momente also, in denen es gar nicht danach aussah, dass das Reich Gottes Wirklichkeit wird. Sie hielten an der Hoffnung auf einen Ort fest, an dem Frieden herrscht und an dem Menschen nicht mehr andere Menschen verletzen, töten und foltern werden, einem Reich ohne Leid und Schmerzen (Offenbarung 22).

Diese Hoffnung hat auch dem deutschen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer Mut und Kraft gegeben, gegen das Hitlerregime zu kämpfen. Als er in diesem Kampf für das Gute sein Leben geben musste, war für ihn klar: „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens. Ich glaube an die universale christliche Brüderlichkeit über alle nationalen Interessen hinweg und ich glaube, dass uns der Sieg sicher ist."

Was darf ich hoffen?

Die Auferstehung Jesu ist also letztlich eine Machtfrage (Klaus Berger; Jesus, S. 627). Und zwar nicht nur im Hinblick auf die Ungerechtigkeit und die Not der Welt, sondern auch im Hinblick auf den Tod. Wenn Jesus vom Tod auferstanden ist, dann hat der Tod nicht mehr das letzte Wort. Dann gibt es Hoffnung für alle, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden und sterben mussten. Dann gibt es Hoffnung für jeden einzelnen Menschen ganz persönlich. Dann ist meine persönliche Geschichte mit dem Tod nicht zu Ende. Und sie ist eingebettet in die große Geschichte Gottes mit den Menschen.

Die Frage nach der Auferstehung ist also auch die Frage, worauf ich hoffen kann. Ist mit dem Tod wirklich alles vorbei? Die Frage nach der Auferstehung ist die Frage nach der Wahrheit des christlichen Glaubens. Aber nicht nur. Sie ist darüber hinaus auch die Frage nach dem Grund der Hoffnung und nach den Werten, auf die jeder Mensch sein Leben baut.

Literatur

Berger, Klaus. Jesus. Pattloch Verlag München, 2004

Hempelmann, Heinzpeter. Die Auferstehung Jesu Christi – eine historische Tatsache?: Argumente für den Osterglauben. Brockhaus Verlag Wuppertal und Zürich, 2003

Künneth, Walter. Theologie der Auferstehung. Brunnen Verlag Gießen und Basel, 1982

Stuhlmacher, Peter. Biblische Theologie des Neuen Testaments, Band 1. Grundlegung: Von Jesus zu Paulus. Vandenhoeck & Rupprecht, 1971

Thiede, Carsten Peter u. Lüdemann, Gerd. Die Auferstehung Jesu - Fiktion oder Wirklichkeit: Ein Streitgespräch. Brunnen Verlag Basel, 2001

Eckstein, Prof. Dr. Hans-Joachim. Die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu: http://www.uni-tuebingen.de//uni/v01/downloads/Eckstein_Die-Wirklichkeit-der-Auferstehung-Jesu.pdf, Stand 14. April 2015. (Abgedruckt in: H-J. Eckstein, Zur Wiederentdeckung der Hoffnung. Grundlagen des Glaubens, Holzgerlingen 2002, S. 87-122 (=ThBeitr 32 (2001), 26-41). Überarbeitete Fassung eines auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen am 12.02.2000 gehaltenen Vortrags.)

Eckstein, Prof. Dr. Hans-Joachim. "Mein Herr und mein Gott!": Wie ein Zweifler den Auferstandenen "begreift": http://www.uni-tuebingen.de//uni/v01/downloads/Eckstein_Zweifler.pdfStand 14. April 2015. (Veröffentlicht in: H.-J. Eckstein, Wenn die Liebe zum Leben wird. Grundlagen des Glaubens 3, Holzgerlingen 2010, S. 89-110. Nach einem theologischen Essay in: Evangelische Sammlung in Württemberg, März 2009, S. 5-12)