Mit Gott auf Du und Du

Familie, Freunde, Fremde: Dass andere Menschen zu unserem Leben gehören, ist selbstverständlich. Doch kann man auch zu Gott eine Beziehung haben?

Jeder kennt sie – jeder hat sie: Beziehungen. Ob Lebenspartner, beste Freundin, Geschäftskontakt oder die Eltern – Beziehungen prägen unseren Alltag. Ohne sie würden wir uns einsam fühlen und oftmals hilflos. Beziehungen zwischen Menschen sind lebenswichtig. Doch wie sieht es mit einer anderen Dimension aus, mit der Ebene Gott – Mensch? Ist Beziehung auch dort möglich? Und wenn ja, wie kann diese gestaltet werden?

Religion, Glaube, Beziehung

Mit dem Begriff „Glaube“ assoziieren wir oft auch den Begriff „Religion“. Logisch, denn aus der Art des Glaubens leitet sich meistens die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion ab. Wer an den christlichen Gott glaubt, bekennt sich zum Christentum. Wer zu Allah betet, folgt dem Islam. Das Besondere am christlichen Glauben ist die Beziehung zu Gott, die persönlich und im Alltag gelebt wird. Doch wer sich zum Christentum bekennt, lebt nicht automatisch in dieser Beziehung. Tatsächlich können Religion und Beziehung konträr zueinander stehen. Im Folgenden soll das deutlich werden.

Mit Religion verbinden wir viele verschiedene Aspekte. Erst einmal geht es oft um ein Gefühl der Zugehörigkeit. Über meine Religion kann ich mich identifizieren. Religion gibt dem Leben eine Richtung. Zum Beispiel durch Moral- und Wertvorstellungen. Gerechtigkeit ist zum Beispiel solch ein Wert, der in der westlichen Welt großgeschrieben wird. Wer sich daran orientiert, führt sein Leben nach bestimmten Grundsätzen, hat bestimmte Vorstellungen darüber, wie dieser Wert gelebt werden sollte. In jeder Religion gelten gewisse Regeln und Vorschriften. Richtungsweisend sind aber auch Bräuche und Feste, die jeder Religion anhaften. Bei uns sind es kirchliche Feste wie Weihnachten und Ostern, an denen Religion oft konkret gelebt wird. Wer an das Christentum denkt, verbindet damit auch unweigerlich die „Institution  Kirche“. Mancher erinnert sich an Konfirmation, Hochzeit, Taufe und Beerdigung. Zeiten im Leben, wo Kirche einfach dazugehört. Anlässe, an denen Kirche konkret in unser Leben tritt. Auch der sonntägliche Gottesdienst kann das sein.

Alle diese Bereiche, die wir sofort mit dem Begriff „Religion“ verbinden, haben eines gemeinsam: Sie allein bedeuten nicht, eine persönliche Bindung an den zu haben, der im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht: Jesus Christus. Ein Leben nach christlichen Werten, mit kirchlichen Festen und einem sonntäglichen Gang zur Kirche lässt sich auch ohne Jesus Christus führen. Gelebte Religion gehört zum Alltag vieler Menschen, die sich Christen nennen, gelebter Glaube hingegen nicht. Religion kann also auch Glaube auf Distanz sein. Wir fühlen uns ihr zugehörig und sie gibt unserem Leben eine gewisse Orientierung. Doch hilft sie uns nur begrenzt, wenn es um existenzielle Fragen geht. Dann brauche ich einen Ansprechpartner.

Wer seinen christlichen Glauben über eine Beziehung zu Jesus Christus definiert, empfindet viel mehr als die bloße Zugehörigkeit zu einer Religion. Die Beziehung zu Jesus beinhaltet viele Aspekte, die auch zwischenmenschliche Beziehungen ausmachen. Zum Beispiel der regelmäßige Kontakt. Prägend für einen persönlichen Glauben sind Gespräche mit Gott. Ein Austausch, wie er auch von Mensch zu Mensch stattfindet.

Die Beziehung starten

Doch wie beginne ich solch eine Beziehung zu Jesus? Im Prinzip ähnelt es dem Aufbau einer Beziehung zu einem Menschen. Zu Beginn steht das Kennenlernen. Jesus kennt mich zwar schon, aber ich ihn noch nicht. Also versuche ich, so viel wie möglich über ihn zu erfahren. Erste Anlaufstelle ist hier die Bibel. In der Bibel erfahren wir in Geschichten, Gleichnissen und Reden Jesu, wie er denkt und handelt. Hilfreich ist es, bei solch einem Bibelstudium nicht auf sich allein gestellt zu sein. Austausch mit anderen Christen über das Gelesene hilft, Fragen zu klären und die Texte besser zu verstehen. Oder ich orientiere mich beim Bibellesen an einem Bibelleseplan, der gleichzeitig auch Auslegungen und Denkanstöße zu den einzelnen Texten bietet.

Unentbehrlich ist aber auch der direkte Kontakt zu Jesus. Regelmäßige Gespräche mit ihm fördern die Beziehung. Ich kann ihm meine Fragen stellen, ihn bitten, mir Verständnis für das zu geben, was ich in der Bibel lese und was es für mein Leben bedeutet. Wichtig ist, damit zu rechnen, dass Gott im Alltag zu mir sprechen will. Manchmal tut er das durch einen Bibelvers, der mir ins Auge fällt, oder durch das Gespräch mit anderen Christen. Oft ist es auch ein Gedanke, der mir plötzlich in den Sinn kommt. Eine Beziehung zu Jesus baut sich Schritt für Schritt auf. Es braucht Geduld und Offenheit für seine Worte. Und der Aufbau solch einer Beziehung ist nie abgeschlossen. Mit jedem Gebet lerne ich ihn besser kennen. Und mit jedem Kapitel, das ich in der Bibel lese, erfahre ich etwas Neues über Jesus und den Gott, den er seinen Vater nennt.

Beziehungspflege

Um eine Beziehung dauerhaft aufrecht zu erhalten, spielt auch die Gestaltung der Beziehung eine wichtige Rolle. Zwischenmenschliche Beziehungen sind geprägt von regelmäßigem Austausch. Man lernt voneinander, fordert einander heraus und verändert sich. Ähnlich wie diese intensive Beziehung zwischen zwei Menschen, kann man sich auch die Beziehung zu Jesus vorstellen. Ich nehme mir bewusst Zeit für Jesus. Ich lese in der Bibel, bete und werde still, um auf ihn zu hören. Es hilft mir, jeden Tag eine bestimmte Zeit fürs Bibellesen und Beten zu reservieren. So entsteht ein fester Rhythmus, integriert in den Alltag. Beten sollte aber nicht nur in der Stillen Zeit stattfinden. Idealerweise bin ich den ganzen Tag immer wieder im Dialog mit Gott. In Gedanken beim Spazierengehen, laut nebenbei bei der Hausarbeit oder im Büroalltag, wenn die Aktenberge sich türmen und die Arbeit über dem Kopf zusammenzuschlagen droht. Ich teile mein ganzes Leben mit Jesus – Freude, Ärger und Sorgen.

Neben dem Kontakt zwischen Jesus und mir, der sich durch den ganzen Tag zieht, braucht es aber auch andere Christen zur Gestaltung dieser Beziehung. In Gesprächen mit anderen Christen kann ich erfahren, wie sie ihren Glauben leben, welche Erfahrungen sie mit Gott gemacht haben und wie sie Schwierigkeiten bewältigen. Kontakt zu anderen Christen ist also neben der Bibel ein weiterer wichtiger Punkt, um Jesus besser kennenzulernen und somit eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Gut ist es, Menschen zu finden, die Vorbilder im Glauben sein können. Die schon viel mit Gott erlebt haben und ihre Beziehung zu Jesus praktisch im Alltag vorleben.

Jesus hat ausdrücklich betont, dass er dort in besonderer Weise anwesend sein will, wo sich mehrere Menschen in seinem Namen versammeln (Matttäus 18,20). Regelmäßige Gottesdienstbesuche und Freundschaften mit Leuten aus der Gemeinde, helfen dranzubleiben am Glauben. So wie sich Freunde treffen, um zusammen zu feiern, so treffen sich auch Christen, um sich gemeinsam über den Glauben auszutauschen und sich über das zu freuen, was sie mit Gott erlebt haben. Im Gottesdienst bekomme ich neue Inputs, in Gesprächsgruppen kann individuelles Glaubenswachstum stattfinden, können Anliegen besprochen werden und kann gemeinsam gebetet werden. Man lernt voneinander und unterstützt sich.

Eine aktive Mitarbeit in der Gemeinde ist auch positiv für meine Beziehung zu Gott. Jesus sagt, was ihr einem von den geringsten Menschen getan habt, habt ihr mir getan (Matthäus 25,40). Durch regelmäßige Mitarbeit festigen sich die Kontakte innerhalb der Gemeinde. Bin ich verkündigend, z. B. in der Kinder- oder Jugendarbeit, tätig, setze ich mich in der Stundenvorbereitung mit biblischen Themen auseinander. Von den gewonnenen Erkenntnissen profitiere ich selbst oft am meisten. Je nachdem, was mir liegt, ist aber auch die ganz praktische Mitarbeit ein Dienst für Jesus, z.B. Küchenteam, Technik- oder Musikteam. Ich bin eingebunden in die Gemeinde, werde gebraucht, stelle mich verbindlich in den Dienst für Jesus und das hilft mir, auch mal „Durststrecken“ im persönlichen Glauben zu überstehen.

Beziehung auf dem Prüfstand

Die Beziehung läuft, ich bin fest in einer Gemeinde engagiert, mein Glaube wächst stetig. Doch ohne Vorwarnung wirft mich plötzlich ein kritisches Ereignis aus der Bahn. Nichts ist so wie vorher und mein Glaube scheint sich in Luft aufzulösen. Bohrende Fragen stellen sich: Wo ist Gott? Warum lässt er das zu? Wie soll ich ihm jetzt noch vertrauen?

Mein Glaube, die Beziehung zu Jesus, kann manchmal auf den Prüfstand gestellt werden. Traurige oder schockierende Erlebnisse in der Familie und im Freundeskreis lassen mich zweifeln an Gottes Gegenwart. Ich kann sein Handeln nicht verstehen und fühle mich weit weg von ihm. Aber nicht nur solche einschneidenden Erlebnisse bilden Schwierigkeiten in der Beziehung zu Gott. Oft ist es auch eine „Durststrecke“, die ich erlebe: Die letzte konkrete Erfahrung mit Gott liegt schon lange zurück. Im Alltag bleibt mir kaum Zeit, in meinen Glauben zu investieren und die persönlichen Zeiten mit Gott werden immer seltener. Mich plagen Sorgen und Gott scheint nicht zu antworten. Ich meine genau zu wissen, was Gott tun müsste, aber er tut es nicht. Das lässt mich an ihm zweifeln und mir fällt es schwer, mein Leben in seine Hand zu legen. Nicht zuletzt führen auch mitmenschliche Schwierigkeiten – zum Beispiel Konflikte in der Gemeinde – zur Herausforderung des Glaubens. Solche schweren Zeiten des Glaubens gibt es immer wieder. Doch wie gehe ich damit um?

Durststrecken durchhalten

Wichtig in diesen harten Zeiten ist, das Vertrauen auf Gott nicht zu verlieren. Auch dann am Glauben festzuhalten, wenn ich ihn nicht spüre oder meine, er antwortet nicht: Gott ist da. Er lässt mich nicht im Stich. Auch wenn diese Zeiten länger dauern oder ich den Eindruck habe, dass sie mittlerweile schon Normalzustand geworden sind. Gott hört mich – auch wenn das Leben ein einziges Chaos zu sein scheint.

Dabei ist es wichtig, dass ich mit meinen Fragen und Sorgen nicht allein bleibe. Es ist hilfreich, mit anderen Christen, denen ich vertraue, darüber zu reden. Ein guter Freund, der mich kennt, kann mir helfen, meine Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und so zu Lösungen zu kommen. Außerdem können andere Christen für mich beten – auch wenn ich selbst es nicht mehr kann. Gebet bewirkt viel und Gott erhört jedes Einzelne – auch wenn seine Antwort nicht selten anders ausfällt, als ich sie erbitte oder erwarte. Im Endeffekt möchte Gott immer das Beste für uns, auch wenn er uns mit Ereignissen konfrontiert, aus denen sich nach unserer Meinung absolut nichts Positives ergeben kann (Römer 8,28). Manche Fragen bleiben möglicherweise dauerhaft unbeantwortet. Wir können Gottes Handeln nicht immer nachvollziehen. Doch Gott lässt nichts ohne Sinn geschehen. Hier ist unser Vertrauen gefragt, dass er den besseren Überblick hat. Auch wenn wir in manchem schweren Erleben keinen konkreten Sinn für unser Glaubensleben erkennen können – alleine unser Vertrauen auf Gott, das hier gefordert ist, lässt uns im Glauben wachsen und bindet uns fester an ihn.

Deshalb darf ich mich direkt an Gott wenden, wenn ich merke, dass es mir an Motivation mangelt. Ein ehrliches Gebet kann viel bewirken. Gott versteht meine Sorgen und Nöte. Er ist immer die beste Adresse. Er ist Anfang und Ziel dieser Beziehung.