Bekehrung: Wo bitte schön geht's hier zum Leben?

Nicht jede Lebenswende verläuft dramatisch. Trotzdem sind die Folgen oft gewaltig. Biblische Gedanken zu einem sperrigen Begriff.

Der Begriff Bekehrung hat verschiedene Facetten. Ihnen zugrunde liegt jedoch immer der Gedanke einer kompletten Neuausrichtung, einer radikalen Wende. Eine solche Wende erlebte im Jahr 2005 der Gründer und Gitarrist der Metal-Band Korn, Brian Welch. Er wurde in diesem Jahr nicht nur Christ, sondern stieg auch aus einer sehr erfolgreichen Band aus und konnte sein früheres Drogenleben hinter sich lassen. 

Nicht jede Bekehrung verläuft so dramatisch. Dennoch können die Auswirkungen mitunter sehr dramatisch sein, wie zum Beispiel im Leben des Theologen Dietrich Bonhoeffers. Während eines Auslandsaufenthaltes im Jahr 1930/31 arbeitet der promovierte Theologe in einer amerikanischen Kirche mit, die in erster Linie von Afroamerikanern besucht wird. Er erkennt, dass allein die christliche Gemeinde das Potenzial hat, soziale Gräben zu überwinden.

Bonhoeffer muss für sich eingestehen, dass seine bisherige Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und der Bibel etwas „Phraseologisches“ hatte. Er entdeckt die Bibel neu und erfährt, wie Gott ihn durch sie anspricht. Vor allem Jesu Worte in der Bergpredigt lassen ihn nicht mehr los. Sein Glaube bekommt plötzlich neue Konturen. Er erkennt die Relevanz der christlichen Botschaft für die drängenden Probleme seiner Zeit und geht auf Konfrontationskurs mit dem NS-Regime.

Wenn Glaube persönlich wird

Auch wenn die beiden oben genannten Bekehrungen unterschiedlicher nicht sein könnten, so haben sie dennoch eins gemeinsam: Sowohl die Wende im Leben Welchs als auch im Leben Bonhoeffers haben ganz praktische Auswirkungen auf das persönliche Leben. Das war zu biblischen Zeiten nicht anders. Als ein gewöhnlicher Fischer um das Jahr 30 nach Christus seinem täglichen Broterwerb nachging, kommt es zu einer Begegnung mit einem jüdischen Rabbi, die sein Leben für immer auf den Kopf stellen wird.

Nach einer durchfischten, aber erfolglosen Nacht, fordert ihn dieser Rabbi auf, es noch ein letztes Mal zu versuchen. Zunächst zögert der erfahrene Fischer, aber irgendetwas an diesem jüdischen Lehrer lässt ihn seinen Stolz überwinden. Und: Er macht den Fang seines Lebens. Was als halbherziges Experiment begann, lässt diesen Petrus erschüttern. Er ahnt: Dieser Rabbi ist auf übernatürliche Weise mit Gott verbunden. Ihn packt die Furcht, gleichzeitig aber ist er so fasziniert von diesem Wundertäter, dass er seiner Aufforderung, sich seiner Bewegung anzuschließen, Folge leistet. Und obwohl Petrus nicht abschätzen kann, auf was er sich genau eingelassen hat, ist er dennoch bereit, sein Leben von nun an von diesem Rabbi prägen und bestimmen zu lassen (Lukas 5).

Fasziniert, skeptisch, mutig

Und so kann es sein, dass auch heute die Hinwendung zum christlichen Glauben damit beginnt, dass sich ein Mensch für einen Aspekt des Lebens als Christ interessiert. Es kann sein, dass es die Worte Jesu in der Bergpredigt sind, die einen nicht mehr loslassen, wie das im Fall Bonhoeffers war. Es kann das erste Gebet sein, dass man an Gott richtet, auch wenn man sich im Vorfeld gar nicht sicher ist, ob es überhaupt einen Gott gibt, zu dem man beten kann. So gehen beide Gefühle – Faszination und Skepsis – oft Hand in Hand, so wie dies im Beispiel von Petrus der Fall war.

Christen berichten immer wieder, dass es in ihrem Leben einen ganz bestimmten Moment gab, den sie im Nachhinein als Wendepunkt für das neue Leben als Christ ausgemacht haben. Das kann, wie bereits erwähnt, das erste Gebet sein, mit dem man sich Gott anvertraut. Das können auch – ganz klassisch – kirchliche Feste sein, an denen sich Menschen bewusst für ein Leben mit Gott entscheiden, wie zum Beispiel das Fest der Konfirmation.

Erkenntnis und Bekenntnis

Oft ist es nicht so sehr die Entscheidung, sondern die Erkenntnis dessen, was Gott für einen getan hat, die Menschen als eigentlichen Wendepunkt in ihrem Leben bezeichnen. Dann nämlich, wenn sie erkennen, dass sie auf Gottes Vergebung angewiesen sind und dass ein Leben mit Gott auch bedeutet, nach seinem Willen zu fragen und zu leben. Aus dieser Erkenntnis wird früher oder später in der Regel auch ein Bekenntnis. Für viele Christen ist es die Taufe, mit der ein Mensch seine Zugehörigkeit zu Gott und seine Bereitschaft, ihm nachzufolgen, deutlich macht.

Von außen betrachtet könnte man meinen, dass sich mit der Zuwendung zum christlichen Glauben einfach nur das Weltbild eines Menschen ändert. Hat er vorher nicht an etwas Übernatürliches geglaubt, dann tut er es nun. Hat er vorher nicht versucht, nach den Zehn Geboten zu leben, so sind diese nun Leitlinien für ethische Entscheidungen. Ging er vorher nur an Weihnachten oder Ostern in den Gottesdienst, so sieht man ihn nun regelmäßig sonntags in der Kirche.

Bekehrung und Beziehung

Doch so sehr beide Beobachtungen auch zutreffen, treffen sie doch nicht den Kern dessen, was nach biblischem Verständnis Bekehrung und Nachfolge ausmacht. Das Entscheidende für Petrus ist nicht die Tatsache, dass er Jesus Wunder zutraut – auch wenn er dies tut. Entscheidend ist auch nicht, dass er versucht, nach den Leitsätzen Jesu zu leben – auch wenn ihm das ein Herzensanliegen ist. Dreh- und Angelpunkt seines Lebens als Nachfolger Jesu ist die Tatsache, dass er sich auf eine Beziehung zu Jesus einlässt.

Jesu Ansprüche an sein Leben wären nämlich bedeutungslos, wenn er sich schon bald wieder aus der Beziehung mit Jesus verabschiedet hätte. Jesu Wunder wären für Petrus ohne Belang, wenn es nur Wunder wären, von denen er vom Hörensagen erfährt, die aber sein eigentliches Leben unberührt lassen.

Der Beginn dieser Beziehung, dieser Freundschaft mit Gott, ist der Kern von Bekehrung. Eine Freundschaft, in der Gott mich mehr und mehr erneuern und heilen, aber auch gebrauchen möchte. Und eine Freundschaft, die sogar über dieses Leben hinausgeht. Diese Überzeugung hat Jesus immer wieder vertreten. Wer sich jetzt an ihn hängt, wird nach dem Tod auf ewig mit ihm zusammen sein können - was viele Menschen mit "in den Himmel kommen" beschreiben.

Wenn Gott an die Tür klopft

Entscheidend für Petrus ist also die Beziehung, die er nun zu Jesus hat. Und diese Beziehung kommt deshalb zustande, weil Jesus auf Petrus zugekommen ist. Auch wenn es aus menschlicher Sicht eine persönliche Entscheidung für Gott zu sein scheint, so wird bald klar: Am Anfang dieser Beziehung steht die Suche Gottes nach dem Menschen.

In dem Film „Die Matrix“ erklärt Morpheus – alias Laurence Fishburne – dem zukünftigen Helden Neo, dass er Teil eines größeren Plans ist: „Weißt du, es mag sein, dass du in den letzten Jahren nach mir gesucht hast, aber ich habe schon mein ganzes Leben nach dir gesucht.” Ähnlich verhält es sich mit der Suche Gottes nach dem Menschen. Immer dann, wenn Menschen sich auf die Suche nach Gott machen, hat Gott sich schon längst auf die Suche nach ihnen gemacht. Gott sucht den Menschen – dieses Thema durchzieht die Bibel wie ein roter Faden.

Zu Beginn der Menschheitsgeschichte macht sich Gott auf die Suche nach dem Menschen, der sich vor ihm versteckt, weil er schuldig geworden ist. „Adam, wo bist du?“, fragt Gott und will den Menschen, den er geschaffen hat und den er liebt, aus seinem Versteck von Schuld und Scham herauslocken. Gott sucht den Menschen und schickt deshalb seine Propheten, schickt Engel und Naturgewalten, um die Aufmerksamkeit des Menschen zu bekommen. Bis zuletzt bleibt Gott ein Suchender. Ein Suchender, der den Menschen nach Hause bringen will. So bittet Jesus eine Gemeinde in den letzten Tagen der Menschheitsgeschichte, wie sie in der Bibel im Buch der Offenbarung skizziert werden: „Merkst du nicht, dass ich vor der Tür stehe und anklopfe? Wer meine Stimme hört und mir öffnet, zu dem werde ich hineingehen, und wir werden miteinander essen – ich mit ihm und er mit mir.“ (Offenbarung 3,20)

Die Beziehung, die ein Mensch zu Gott eingeht, ist also mehr als nur ein Perspektivwechsel, es ist ein Wohnortwechsel, ein Jobwechsel und ein Partnerwechsel zugleich. So real ist diese neue Beziehung. Deshalb hat sie auch Auswirkungen auf das reale Leben. Deshalb entscheidet sich Dietrich Bonhoeffer, den Nazis die Stirn zu bieten. Aus demselben Grund entscheidet sich Brian Welch mit Drogen zu brechen, ein Kinderheim in Indien zu gründen und fortan Musik für Gott zu machen.

Beziehung im Alltag

So wichtig und spannend auch die großen Auswirkungen einer Lebenswende und Neuorientierung hin zu Gott sind, sie sind nur ein erster. Ein großer Schritt zwar, aber ein Schritt, dem viele kleine Schritte folgen. Mit der Bekehrung wird auch ein Prozess in Gang gesetzt, der bis in die kleinsten Details des Alltags Auswirkungen haben kann.

Auch die Jünger Jesu haben mit ihrem Meister den Alltag geteilt. Sie sind mit ihm durch die Dörfer gezogen, haben zusammen gegessen, gefeiert, diskutiert und gestritten. Sie haben gelernt, was es im täglichen Miteinander bedeutet, nach Gottes Vorstellungen zu leben. Viele Worte Jesu beziehen sich auf Dinge des Alltags: Wie gehe ich mit Geld um? Was bedeutet es, im Alltäglichen gerecht zu sein? Wie soll ich mich meinen Nachbarn gegenüber verhalten, der eine Nervensäge ist, aber meine Hilfe braucht?  Die neue Beziehung zu Gott will ergründet und gestaltet sein. Eine Hilfe dabei ist die Bibel. Hier kann man schauen, wie das andere Menschen zu anderen Zeiten gemacht haben und davon lernen. Wie geht eigentlich Beten? Wie haben Menschen in anderen Zeiten mit Gott geredet? Diese Fragen beschäftigen Menschen seit Tausenden von Jahren. Auch die Jünger haben Jesus gefragt, wie Beten geht.

Eine neue Dimension

Dass der Mensch mit seiner Zuwendung zu Gott in eine neue Beziehung eintritt, hat aber nicht nur Auswirkungen auf sein persönliches Leben. Gott ruft den Menschen nicht nur in eine Beziehung, sondern auch zu einem großen Abenteuer. Der Horizont eines Petrus war bis zu seiner Bekehrung auf die Fische im See Genezareth beschränkt. Er sorgte sich um Fangquoten, Absatzmärkte, Inflation und Steuerfragen. Und daran war und ist auch nichts Verwerfliches. Aber als Jesus in sein Leben tritt, fordert er ihn heraus, seinen Blick zu weiten. Er will ihn zu einem Menschenfischer machen.

Jesus möchte Petrus einladen, auch anderen Menschen von dieser neuen Beziehung mit ihm zu erzählen. Jesus fordert Petrus heraus, die große weite Welt um ihn herum in den Blick zu nehmen: Was brauchen die Menschen? Wer muss die Botschaft der Vergebung hören? Wer muss Heilung an Körper, Seele und Geist erfahren? Wer braucht Nahrung für die Seele und für den Körper? Im Laufe der drei Jahre, die Petrus mit Jesus auf der Erde unterwegs ist, weitet sich sein Blick. Petrus ist mit Jesus unterwegs. Er ist unterwegs zu einem Abenteuer und in diesem Abenteuer ist er nicht allein mit seinem Herrn. Er ist umgeben von anderen Nachfolgern und anderen Menschen, die auf der Suche nach Gott Jesus begegnet sind.

Wer Jesus nachfolgt, bekommt nicht nur eine neue Beziehung zu Gott, sondern auch einen besonderen Auftrag. Gott sucht den Menschen, um ihn zu erlösen. Das heißt, um ihn zu befreien und ihm die Möglichkeit zu geben, wieder in der innigen Gemeinschaft mit ihm zu leben, zu der er von Anfang an geschaffen war. Aber dabei bleibt Gott nicht stehen. Seine Sehnsucht geht weiter. Gott hat die ganze Welt im Blick – die ganze Schöpfung. Und jeden einzelnen, der sich von Gott findet lässt, nimmt er mit hinein in dieses größte Sehnsuchtsprojekt der Geschichte. Wer sich von Gott rufen lässt, der ist berufen, mitzusuchen und mitzugestalten. Mitzusuchen, indem man andere Menschen einlädt zu der Beziehung mit Gott. Und mitzugestalten, indem man lernt, so zu leben, wie Gott sich das von Anfang an gedacht hat. Wie das aussieht, das hat Jesus vorgelebt. Dafür hat er geworben, unter anderem in der Bergpredigt (Matthäus 5-7).

Fazit

Was bedeutet es, sich auf ein neues Leben mit Gott einzulassen? Nicht alles wird sich ändern, aber vieles wird auf den Prüfstand kommen. Man wird in seinem Leben ein neues Koordinatensystem bekommen. Man wird sich zusehends an anderen Werten orientieren. Beziehungen werden einen anderen Charakter bekommen. Man wird für andere Menschen offener, weil sich der Blick weitet und man erkennt, dass Leben mehr ist als nur die Suche nach dem persönlichen Glück und Wohlbefinden. Man wird deshalb eine neue Form der Freiheit finden. Ich muss nicht mehr alles haben und alles sein. Denn Gott selbst hat sich so sehr für mich interessiert, dass er alles unternommen hat, was notwendig war, um mit mir eine Beziehung zu haben. Er hat auf allen Komfort verzichtet, hat es riskiert missverstanden und beschimpft zu werden – bis hin zum Tod am Kreuz. Das gibt meinem Leben einen neuen Wert, aber auch einen neuen Anspruch. Es geht nicht mehr nur um mich. Und das ist gut so.

Ich werde aber auch eine neue Form der Freiheit finden, weil ich der sein darf, der ich bin, aber nicht mehr sein muss. Ich darf zugeben, dass ich Fehler mache. Denn Gott weiß es sowieso, liebt mich trotz meiner Fehler und hat sie mir bereits durch Jesus alle vergeben und vergibt sie mir immer wieder neu. 

Ist es immer sicher, sich auf dieses Leben mit Gott einzulassen? Nein. Wird dann alles automatisch besser? Nein. Lohnt es sich? Auf jeden Fall. Denn wenn Gott diese Beziehung wollte, bevor ich sie wollte, dann weiß ich nicht in allen Einzelheiten, wie dieses Leben wird. Aber ich weiß, dass es ein Leben wird, das ein Ziel hat und dass Gott auf dem Weg zu diesem Ziel immer dabei sein wird.