Wenn Gott redet

Christen glauben, dass Gott in der Geschichte geredet hat - und immer noch redet. Eine Standortbestimmung mit praktischen Hinweisen.

Gott redet, der Mensch hört

Spricht man mit Christen und das Thema kommt auf die Stimme Gottes, so geht es oft um die Frage, wie man denn Gottes Willen für sein Leben entdecken kann. Gemeint ist damit meist die Frage, welche Entscheidung in einer konkreten Situation richtig ist. Dahinter steckt der Gedanke, dass Gott einen "Plan" für unser Leben hat. Aber ist das alles oder geht es bei der Frage nach Gottes Reden nicht um viel mehr?

Das Buch Hiob ist der Klassiker der Bibel, wenn es um die Frage nach Gott und dem Leid geht. Hier geht es um die Geschichte eines guten, rechtschaffenen Menschen, den ganz unvermittelt das Leid trifft. Der Hauptteil der Geschichte dreht sich um die Frage, warum Hiob so vom Leid gebeutelt ist. Seine Freunde behaupten, er sei selbst schuld und bekomme von Gott nur das, was er verdient. Hiob hingegen besteht darauf: Ihn trifft keine Schuld, Gott ist völlig frei in seinem Handeln – das Leid trifft einen rechtschaffenen Menschen und dahinter steht ein willkürlicher Gott.

Wenn auch die Frage nach dem Leid das zentrale Thema des Buches ist, so kommt der Wendepunkt für Hiob nicht in einer philosophischen oder theologischen Erklärung für sein Leid. Hiobs Geschichte wendet sich zum Guten, als Gott ihm begegnet und er seine Stimme hört. Plötzlich geht es nicht mehr um die Frage „Warum?“ sondern „Mit wem?“. Wer steht mir in meinem Leid bei, selbst wenn sich Frau und Freunde abwenden? Hiob erkennt mitten in seinem Leid, dass Gott die Welt und seine Geschichte weiter in seinen Händen hält. Das tröstet ihn, noch bevor sich seine Situation äußerlich verbessert.

Für Hiob ist die Stimme Gottes nicht die Stimme aus dem Off, die alles erklärt und Regieanweisungen gibt. Für Hiob wird die Stimme Gottes zum Trost in seinem Leid. Die Geschichte macht also eines besonders deutlich: Es geht beim Reden Gottes nicht nur um Information. Es geht um Beziehung. Dies ist aus biblischer Sicht sogar der wichtigste Aspekt, wenn man über das Reden Gottes nachdenkt.

Gott redet – und reicht die Hand zur Freundschaft

Die Bibel beginnt mit der Schöpfungsgeschichte. Sie ist eine Geschichte, die Gott als kreativen und leidenschaftlichen Gott darstellt, der die Welt ins Leben ruft. Diese Schöpfungsgeschichte macht von Anfang an deutlich, dass Gottes Geschichte mit der Welt und den Menschen eine Beziehungsgeschichte ist. Denn Gott schafft den Menschen zu seinem "Bilde". Es ist nicht nur die Würde, die der Mensch durch die Ebenbildlichkeit Gottes erlangt, es ist auch seine Beziehungsfähigkeit, die ihm geschenkt wird.

So wie Gott Beziehung in sich trägt (Vater, Sohn und Heiliger Geist), so erkennt auch der Mensch, dass er ein Gegenüber braucht. Das ist zunächst der andere Mensch, der ihm an die Seite gestellt wird. Doch noch wichtiger ist Gott selbst, der mit dem Menschen in der "Kühle des Abends" spazieren geht. Und als diese Beziehung zerstört wird, wird dem Menschen schmerzlich deutlich, wie tragend sie für sein ganzes Leben war.

Einen besonderen Einblick in die Beziehung eines Menschen mit Gott bilden die Psalmen. Hier ist der Leser sozusagen live dabei, wie ein Mensch –  z. B. König David – Gott sein Leid klagt, ihm dankt und ihm sein Herz ausschüttet. Auch hier ist es immer wieder Gott, der mit dem Menschen Kontakt aufnimmt – was den Menschen wieder ermutigt, auf Gott zuzugehen. Die Ansprache Gottes macht es David gewiss, dass Gott auf seiner Seite ist. Zum Beispiel in Psalm 27: "Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz." (Psalm 27,8)

David war kein perfekter Mensch. Was ihn auszeichnete war, dass er in seinen Niederlagen und trotz eigener Fehler immer wieder die Begegnung mit Gott suchte. Deshalb nennt ihn die Bibel einen „Mann nach dem Herzen Gottes“. Und gerade in schwierigen Zeiten ist es diese Beziehung zu Gott, die ihn trägt. Das beschreibt er z. B. in einem der bekanntesten Psalmen, Psalm 23. Hier singt David ein Loblied auf seinen Gott, seinen Hirten, der ihn mitten im dunkelsten Tal begleitet.

Gott redet – und beauftragt

Wenn in der Bibel davon die Rede ist, dass Gott zu Menschen spricht, dann tut er das oft, weil er einen Auftrag für die Menschen hat. Das bedeutet keineswegs, dass Menschen zu Befehlsempfängern degradiert werden. Ganz im Gegenteil. Gott bindet den Menschen von Anfang an in seine schöpferische Leidenschaft und sein befreiendes Handeln mit ein.

So wird bereits in der Schöpfungsgeschichte berichtet, dass Gott in die Beziehung zu seinen Menschen tritt – und sie beauftragt. Macht euch die Erde untertan – der Mensch wird eingesetzt, um die Erde mitzugestalten und zu verwalten – und zwar in einem positiven, kreativen, schöpferischen Sinn. Er soll sogar den Tieren Namen geben.

Beziehung und Auftrag gehören eng zusammen. Andere Beispiele sind Abraham, der den Auftrag bekommt, sein Land zu verlassen und sich aufzumachen in ein Land, das Gott ihm zeigen wird. Mose wird von Gott berufen, sein Volk aus der Gefangenschaft Ägyptens zu führen.

Auch im Neuen Testament tritt Gott mit Menschen in Kontakt und stellt ihr Leben in einen größeren Kontext. So beruft Jesus Petrus in die Nachfolge – macht ihn also zu einem Schüler – und nimmt ihn mit in den Auftrag Gottes hinein: „Ich will dich zu einem Menschenfischer machen." Plötzlich findet sich der Fischer Petrus in einem zentralen Kapitel der Menschheitsgeschichte wieder, ohne es zu ahnen. Er wird in der Nachfolge, in der Beziehung mit Jesus lernen, wie dieser Auftrag aussehen wird. Und die Beziehung wird immer wieder vom Gespräch miteinander geprägt sein.

Einer der bewegenden Momente dieser Beziehung ist eine Situation, in der Jesus in einem entscheidenden Moment seines Lebens von einem großen Teil seiner Jüngerschaft verlassen wird. Auf seine Frage hin, ob auch seine engsten Jünger ihn verlassen wollen, antwortet Petrus: „Herr, wohin sollten wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens.“ Jesu Worte haben Petrus in eine neue Welt hineingeführt und in eine Beziehung mit einer neuen Tiefe. Auftrag und Beziehung lassen sich nicht trennen.

Gott redet – und verändert

Gottes Ziel ist es, Menschen zu retten – und zu verändern. Doch Gott stülpt dem Menschen nicht einfach eine neue Persönlichkeit über. Der Mensch ist aufgerufen, die neue Menschlichkeit, die Gott ihm durch Jesus schenkt, in seinem Leben Wirklichkeit werden zu lassen (Epheser 4,24). Gottes Reden wird also auch immer wieder den Menschen und sein Wesen zum Thema haben. Gottes Geist wird den Menschen auch immer daran erinnern, dass Gott an ihm wirken möchte. Dieser Aspekt hängt natürlich eng mit dem vorherigen zusammen. Wenn sich Gottes neue Welt Bahn bricht und Veränderung bewirkt, dann geschieht das eben auch in und durch veränderte Menschen. Ein untrügliches Zeichen des Redens Gottes ist also, dass er an diesen Veränderungsprozess erinnert und ihn durch sein Reden unterstützt.

Hierbei setzt Gott bei jedem Menschen anders an. Der eine braucht mehr Unterstützung bei der Veränderung im Hinblick auf seinen Umgang mit Finanzen, der andere tut sich vielleicht schwer damit, geduldig mit schwierigen Menschen umzugehen. Hier sind nur die großen Linien klar. Welcher Aspekt aber nun im Leben eines Menschen gerade der dringlichste ist und in welcher Form die Veränderung geschieht, das ist so vielfältig wie die Menschen selbst.

Gott redet – und führt

Handelt es sich vor allem bei den ersten beiden Punkten um Aspekte des Redens Gottes, die jeden Menschen gleichermaßen betreffen, so geht es bei dem Thema „Gott redet – und führt“ um einen mitunter sehr individuellen Aspekt. Denn Gott führt Menschen unterschiedlich. Den einen beauftragt er, ein ganzes Volk zu befreien (Mose, 2. Mose), den anderen führt er zu einem blinden Gottesfanatiker, der eine Begegnung mit Gott hatte und nun Heilung und Beistand braucht (Paulus, Apostelgeschichte 9).

Bereits diese beiden biblischen Beispiele machen eins deutlich: Wenn Gott zu Menschen spricht und sie persönlich führt, tut er das höchst individuell. Dem einen erscheint er in einem brennenden Dornbusch. Ein anderer wiederum hat einen Traum. Mancher wird durch andere Menschen geführt, die Gott ihm vorbeischickt (Apostelgeschichte 8). Aber nicht immer ist die Führung Gottes so spektakulär. So hat der Apostel Paulus Gottes Führung zum Teil auch dadurch erlebt, dass sich seine Pläne und Ziele nicht in die Tat umsetzen ließen. Gott redet also auch durch äußere Umstände. So kann eine Jobabsage auch bedeuten, dass es noch ein passenderes Angebot gibt. Schwierigkeiten können einen auf neue Wege stoßen.

Gerade im Alltag wird man sich als Christ immer wieder die Frage stellen: Ist nun dies oder jenes der Wille Gottes für mein Leben? Wer Gott als Freund und Retter kennengelernt hat, der entwickelt irgendwann die Sehnsucht, in allen Lebensfragen Gott um Rat und Hilfe zu bitten und Gottes Weg einzuschlagen. Bei vielem gibt einem die Bibel klare Antworten, bei manch anderen Fragen ist es nicht so eindeutig. ‚Soll ich diesen oder jenen Berufsweg einschlagen?’ ist eine klassische Fragestellung, die Menschen beschäftigt, die bereits früh in ihrem Leben Christ werden. An dieser Stelle darf man sich durchaus auf das Versprechen Gottes verlassen: „Ich will dich führen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst.“ Spannend ist natürlich die Frage: Wie geht das denn genau? Dazu mehr im nächsten Abschnitt.

Gottes Stimme hören – praktisch

Eines der bekanntesten Beispiele vom Hören auf Gottes Stimme aus der Kirchengeschichte stammt von Augustinus, dem Bischof von Hippo in Nordafrika (354-430). In seinen Confessiones (Buch VII, K.12) berichtet er von seiner Bekehrung, wie er im Garten sitzend plötzlich aus dem Nachbarhaus eine Kinderstimme hört, die sagte: „Nimm und lies!“. Ihm erschien diese Stimme als himmlischer Fingerzeig Gottes, auf den hin er zur Bibel griff und die Verse las: „... nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt“ (Römer 13,13f). Dies traf Augustinus, der kein Kind von Traurigkeit war, mitten ins Herz und er begann darauf hin, sein Leben zu ändern.

Den Impuls auf Gott zu hören, kam hier durch etwas ganz Alltägliches zustande. Augustinus, der zur selben Zeit, als das Kind im Nachbarhaus spielte, ohnehin mit der Frage schwanger ging, wie er sein Leben ändern könnte, bezog diesen „göttlichen Fingerzeig“ auf sich. Das alleine hätte jedoch nicht ausgereicht. Entscheidend war ein Bibelvers, der ihn mitten ins Herz trifft.

Dies scheint einer der häufigsten Wege zu sein, wie Menschen Gott hören. Ein Vers aus der Bibel spricht sie besonders an, scheint in einer ganz speziellen Situation den Nagel auf den Kopf zu treffen. Diese „Methode“ birgt aber wie jede Methode auch gewisse Gefahren. Oft genug werden dabei nämlich Bibelverse aus dem Kontext gerissen und dazu missbraucht, die eigene Meinung und Position mit vermeintlicher göttlicher Autorität zu untermauern. Wichtig ist es deshalb, den Verstand nicht auszuschalten und sich den Vers in aller Ruhe auch noch mal im Gesamtzusammenhang anzuschauen. Denn wenn Gott redet, dann tut er dies nie gegen die Gesamtaussage der Schrift.

Ein nützliches Korrektiv an dieser Stelle ist das Gespräch mit anderen Christen. Das kann helfen, sich nicht in irgendwelche Hirngespinste zu verrennen. Martin Luther nennt deshalb neben der Bibel das „Brüdergespräch“ einen wesentlichen Maßstab, um das zu prüfen, was man als „Gottes Stimme“ ausgemacht zu haben glaubt.

Eine andere Möglichkeit, die vor allem seit der Reformation stark betont wird, ist der Gedanke, dass Gott durch die Predigt redet. Hierbei wird die Predigt als das ausgelegte Wort Gottes verstanden. In der Predigt erfährt der Gläubige sozusagen die Aktualisierung des Wortes Gottes für sein eigenes Leben. Es könnte zum Beispiel sein, dass man bei einer Predigt über die fünfte Bitte des Vaterunsers („Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern …“) plötzlich erkennt, dass man selbst einem Menschen nicht wirklich von Herzen vergeben hat. Oder dass man bei einer Predigt über den Propheten Amos plötzlich erkennt, wie wichtig es ist, Reichtum mit anderen zu teilen.

Eine letzte Möglichkeit, Gottes Stimme zu hören, möchte ich als einen „inneren Eindruck“ beschreiben. Gemeint ist hiermit ein Gedanke, der einem immer wieder kommt und einen in eine ganz bestimmte Richtung drängt. So kann das zum Beispiel ein Mensch sein, an den man lange nicht mehr gedacht hat, und der einem plötzlich an einem Tag immer wieder in den Sinn kommt. Immer wieder gibt es Berichte, dass Menschen dann für diese betreffende Person beten und sich im Nachhinein herausstellt, dass dieser Mensch das Gebet auch in der Situation besonders nötig hatte. Ganz wichtig bei diesen „inneren Eindrücken“ ist das Überprüfen.

Stammt ein solcher innerer Eindruck von Gott, wird er niemals der Bibel widersprechen. Wenn man sich aber unsicher ist, sollte man unbedingt mit einem anderen Christen sprechen. Wichtig ist dabei, seine Motive zu prüfen: „Kann es sein, dass das Gehörte nur die eigene Entscheidung legitimieren soll?" Hierzu ein paar hilfreiche Gedanken von Augustinus: „Deine Antwort ist klar, aber nicht alle hören sie klar. Alle fragen dich, was immer sie dich fragen wollen, aber die Antwort, die sie bekommen, ist nicht immer das, was sie hören wollen. Am besten dient dir der Mensch, der am wenigsten darauf aus ist, von dir zu hören, was er hören will, sondern der seinen Willen formt nach dem, was er von dir hört.“1

Es gibt noch andere Wege, wie Menschen Gottes Stimme hören. Manche Menschen erfahren Gottes Reden durch Musik, durch die Natur oder sogar durch Träume. Diese und andere Möglichkeiten länger auszuführen, würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Aber auch in diesen Fällen gilt es, dass es wichtig ist, das Gehörte zu prüfen.

Eine persönliche Antwort

Es ist gut und richtig, auch in kleinen Dingen, Gott miteinzubeziehen. Wenn christlicher Glaube ein lebendiger, alltagsrelevanter Glaube sein will, dann bezieht er auch den Alltag mit seinen großen und kleinen Fragen, Sorgen und Wünschen mit ein. Das schließt auch mit ein, dass wir ihn um Rat fragen. Gott interessiert sich für die Details unseres Lebens (Matthäus 10,30). Wichtig ist aber, dass wir Gott nicht zum Orakel für die bestmöglichen Entscheidungen in unserem Leben machen, damit unser Leben möglichst erfolgreich und sicher verläuft. Beim Hören auf Gottes Stimme geht es um mehr als das Treffen richtiger Entscheidungen.

Noch viel wichtiger kann es sein, genau die Dinge von Gott zu hören, die eigentlich längst klar sind – die aber für unser Leben von so zentraler Bedeutung sind, dass ich sie persönlich immer wieder von Gott hören muss. Zum Beispiel, dass wir nicht nur lesen, dass wir von Gott geliebt sind, sondern dass wir es von Gott selbst hören. Wenn wir zum Beispiel die Natur betrachten und über die Liebe nachdenken, die er in jedes Detail hineingelegt hat. Oder wenn wir über einen Bibelvers nachdenken und uns dabei plötzlich aufgeht, wie viel Gott sich seine Liebe zu uns hat kosten lassen.

In diesen Momenten wissen und hören wir nichts Neues von Gott, doch die Wahrheit des bereits in der Bibel niedergeschriebenen Willens Gottes wird uns vielleicht zum ersten Mal so klar, dass sich unser Leben verändert. Und vielleicht ändern sich nicht die Umstände – wie bei Hiob – aber die Sichtweise und wir kommen zu der Erkenntnis und tiefen Gewissheit, dass wir nicht alleine sind und dass Gott auf unserer Seite ist.

1 nach Bockmühl, „Hören auf den Gott der redet“, S. 72