Spiritualität: Gott lieben wie ich bin

Schade, die beste Botschaft aller Zeiten kommt manchmal so kraftlos daher. Das Gute: ein tiefes, geistliches Leben gibt es auch außerhalb von Klostermauern. Eine Spurensuche.

Verkopft, wenig inspirierend, lebensfern. Irgendwie auf Sparflamme, ohne sein ganzes Potential zu entfalten. So empfinden viele Christen ihren Glauben, zumindest zeitweise. Sie fragen sich dann zu Recht: Warum ist mein Glaube manchmal so langweilig, wenn er doch die beste Botschaft aller Zeiten ist? Warum hat er so wenig mit meinem Alltag zu tun, obwohl er mir angeblich Inspiration für alle Bereiche meines Lebens geben kann? Warum erscheint er so kraftlos und abgehoben, wenn er doch das Zeug hat, die Welt positiv zu verändern?

Natürlich gibt es Beispiele von Christen, die ihren Glauben als überzeugenden, zutiefst überzeugenden, spirituellen Lebensstil gestaltet haben. Darunter Wüstenväter wie Antonius der Große, der Mystiker Johannes vom Kreuz, die Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert oder Mitglieder der Bekennenden Kirche im Dritten Reich. Sie alle haben versucht – oder wurden durch die Umstände dazu genötigt –, ihren Glauben mit Haut und Haaren und in Bezug auf die Herausforderungen ihrer Zeit glaubhaft zu leben.

Es scheint also möglich, dass die Beziehung zu Gott meine ganze Woche durchdringt und nicht nur den Sonntag. Es muss Wege geben, auf denen mein Glaube täglich lebendig bleibt und er vom Kopf ins Herz und in meine Hände rutscht. Wege, die mich zu einem tiefen, geistlichen Leben mit Gott führen, das voller Spiritualität und einladender Faszination ist. Machen wir uns auf die Spurensuche.

Nicht sein, sondern werden

Das Problem, das der ganzen Misere zugrunde liegt, scheint im christlichen Glauben westlicher Prägung zu liegen. Als Christ gilt gemeinhin, wer bestimmte Gedanken begreift und für wahr hält. Zum Beispiel, wer Jesus ist und was er für mich getan hat. Oder was es bedeutet, aus Gnade gerettet zu sein. Immer scheint es um das richtige Verstehen, Begreifen und Erfassen zu gehen. Auch die evangelische Betonung auf die Predigt im Gottesdienst sagt unterschwellig: Der Kopf reicht aus. Wer intellektuell das Richtige denkt, glaubt und bekennt, ist Christ. Fertig.

Ein näherer Blick ins Neue Testament verrät aber rasch, dass überhaupt nichts fertig zu sein scheint. Die Evangelisten bezeichnen die Anhänger Jesu als „Jünger“, was nichts anderes als Schüler oder Lernende heißt. Jesus ist ihr Meister, der sie mehr und mehr in seinen Lebensstil hineinnimmt (Matthäus 23,8). Paulus vergleicht ihren Glauben mit einem anstrengenden Wettkampf (Hebräer 12,1), der ständige Vorbereitungen braucht und den Leib einschließt (1. Korinther 9,24-27).

Dieser kleine Überblick zeigt, dass der christliche Glaube auch bedeutet, auf dem Weg zu sein. Er braucht die Übung und ist alles andere als statisch oder fertig. Er bedeutet nicht haben, sondern unaufhörliches Empfangen. Nicht nur wissen, sondern kontinuierliches Lernen. Martin Luther schreibt: „Dies Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, überhaupt nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“

Was Spiritualität nicht leistet

Doch Vorsicht, damit ist nicht der Weg gemeint, auf dem ich gerettet werde. Egal wie tief meine Spiritualität ist, damit mache ich mich nicht auf besondere Weise beliebt bei Gott. Gott nimmt mich ohne Vorleistung an, genau das zeichnet den christlichen Glauben aus. Ich bin gerettet. Das schließt aber nicht aus, dass ich meinen Glauben einübe. Ich bin daran beteiligt, meinen Glauben wie eine Pflanze zu kultivieren.

Diese Spannung aus göttlichem Wirken und meiner Anstrengung sieht das Neue Testament nicht als Widerspruch. Für Paulus ist es manchmal gar unmöglich zu sagen, wo sein Leben aufhört und das Göttliche anfängt (z.B. Philipper 2,12-13). Gott wirkt in mir und durch mich, niemals ohne mich oder distanziert von außen. Christliche Spiritualität ist kein Soloauftritt.

Keine Standardantworten bitte!

Das beantwortet aber noch nicht die drängende Frage, wie mein geistliches Leben an Tiefe gewinnt und ein Lebensstil wird. Meist gibt es darauf folgende Standardformel als Antwort: Bibellesen + Gebet + christliche Gemeinschaft = geistliches Wachstum. Je nach konfessioneller Prägung kann man „sich dem Heiligen Geist aussetzen“ oder „sich für andere einsetzen“, „Sakramente“ oder sonst etwas zu der Gleichung hinzufügen.

Das Problem ist nur: Unzählige Christen haben genau das probiert. Mit unbefriedigendem Ergebnis. Ihr geistliches Leben bleibt weit weg von der möglichen Tiefe und vom Reichtum christlicher Spiritualität. Stille Zeit und Gottesdienst allein scheinen kein geistliches Wachstum zu garantieren.

Trotzdem gehören Gebet, das Lesen in der Bibel und die Gemeinschaft wohl zu den unerlässlichen Grundzutaten christlicher Spiritualität. Gerade die Vorbilder für ein tiefes geistliches Leben haben regen Gebrauch davon gemacht. Mal mit weniger oder mehr Gemeinschaft, mal mit dieser oder jener Art, die Bibel zu lesen oder zu beten. Aber ganz ohne diese Elemente kam keiner aus. Ist auch klar: Wie soll auch eine enge Verbindung zwischen zwei Personen (Gott und ich) überleben, wenn man nicht miteinander redet? Wie bekomme ich Unterstützung und Korrektur, wenn ich mich von anderen Christen fernhalte? Und wie kann ich ein heiliges Leben führen, wenn ich nicht auf Gott höre? Ohne die enge Anbindung an Gott selbst und seinen Heiligen Geist (spiritus sanctus) kann meine Spiritualität nur leer sein.

Die Herausforderung liegt also darin, diese Grundzutaten christlicher Spiritualität so zu kombinieren und anzuwenden, dass meine Beziehung zu Gott aufblüht und tiefer wird. In meiner Lebenssituation, mit meiner Persönlichkeit und mit meinen Vorlieben. Dafür gibt es eine Reihe von Möglichkeiten.

Nicht zu verachten: Die Klassiker

Christen stehen nicht erst seit heute vor der Frage, wie sie ihr geistliches Leben vertiefen können. Es ist also nicht verwunderlich, wenn wir in der Kirchengeschichte und in den verschiedenen Konfessionen einem reichhaltigen Fundus an Ideen für eine christliche Spiritualität begegnen.

Dazu gehören Dinge, die überhaupt nicht spektakulär sind und für viele Christen zur Routine gehören. Beispielsweise der Sonntag, jährlich wiederkehrende Feste und besondere Zeiten, Fasten, das Abendmahl oder der Zehnte usw. Das sind alles wohlbekannte Elemente des christlichen Glaubens. Was vielen nicht bewusst ist: Einige von ihnen sind genau zu dem Zweck eingeführt worden, um den persönlichen Glauben zu vertiefen und mit dem Alltag zu verbinden. Andere sind hervorragende Hilfsmittel, die mir genau dabei helfen können.

Entsprechend kann mir der nächste Sonntag helfen, der Beziehung zu Gott die nötige Zeit einzuräumen. Ein bewusst gestaltetes Osterfest kann mir sehr plastisch vor Augen malen, was damals vor 2.000 Jahren für mich geschehen ist. Das Fasten weist mir einen Weg, wie ich mich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren kann. Und jeder gespendete Euro ist eine zutiefst geistliche Übung, mit der ich bekenne, an wen ich mein Herz hängen will und wer mich wirklich versorgt.

Ich will noch mehr!

Diese Elemente haben einigen Christen nicht gereicht. Manche Konfessionen haben auch schlicht andere Wege beschritten. Herausgekommen sind einige andere Möglichkeiten, eine persönliche Spiritualität zu entwickeln.

Eine besondere Betonung auf die Bibel im persönlichen geistlichen Leben legt die sogenannte lectio divina (lat. göttliche Lesung). Über die Jahrhunderte wurde sie überwiegend von Mönchen praktiziert, aber auch durch August Hermann Francke mit dem Pietismus in Berührung gebracht. Im Kern besteht sie aus vier Elementen: dem aufmerksamen Lesen eines Abschnittes der Bibel, der Meditation eines besonderen Verses daraus bzw. seine mehrfache Wiederholung, dem Gebet und dem Verweilen im hörenden Dialog mit Gott. Damit erweist sich die lectio divina als eine kontemplative Möglichkeit, die Gemeinschaft mit Gott auf tiefe Weise zu erleben.

Eine andere Möglichkeit bietet das so genannte Herzens- bzw. Jesusgebet. Entstanden ist es im frühen Mönchtum des Nahen Ostens und ist bis heute vor allem in der orthodoxen Kirche verbreitet. Meist wird schlicht Jesus in Verbindung mit einer Bitte angerufen, z.B.: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Dieses Gebet wird anfangs laut, dann innerlich gesprochen und meditiert, mitunter Tausende Male pro Tag. Damit ist das Herzensgebet ein Hilfsmittel, um die Aufforderung des Paulus, ohne Unterlass zu beten, in die Tat umzusetzen (1. Thessalonicher 5,17).

Eine weit bekannte, ebenso meditative Möglichkeit bieten die Exerzitien (= geistliche Übung) von Ignatius. In ihrer Vollversion sind sie sehr zeitaufwändig, es werden aber auch Kurzformen angeboten. Sie teilen sich auf in sechs verschiedene Phasen, die sich meist um Jesus drehen: sein Leben, sein Sterben, seine Auferstehung etc. Die Exerzitien bestehen jeweils aus täglich mehrfacher Schriftmeditation, dem Gebet, dem Tagesrückblick und im optimalen Fall dem Gespräch mit einem geistlichen Begleiter.

Die ganze Vielfalt entdecken

Solche meditativen Zugänge zu Gott sind bei Weitem nicht jedermanns Sache. Die gute Nachricht ist, dass es noch viele andere Möglichkeiten gibt, seinen Glauben im Alltag auszudrücken und Gott auf diese Weise zu lieben. Auch wenn es abgedroschen klingt: Wahrscheinlich gibt es so viele Zugänge zu Gott wie es Menschen gibt. Die hängen natürlich mit meiner Persönlichkeit, meinem Charakter, meiner Prägung und den Umständen zusammen. Sie können sich auch ändern oder abwechseln. Trotzdem lassen sich ein paar große Bereiche ausmachen.2

Denken

Einige Menschen lieben es beispielsweise, ihren Verstand zu gebrauchen. Einfache Antworten stellen sie nicht zufrieden. Auch nicht bei ihrem Glauben. Glaube und Intellekt sind keine Gegensätze für sie, sondern eine Einheit – weshalb sie auch gerne ihren Glauben intellektuell verteidigen und nach Wahrheit suchen. Ohnehin wird der Glaube für sie erst richtig greifbar, wenn sie ihn richtig durchdacht und erschlossen haben. Sie lieben die tiefgründige Diskussion mit anderen Christen, ihr Glaube braucht die intellektuelle Stimulation. Und wenn sie zum Beispiel etwas Neues in der Bibel entdecken, löst das eine neue Begeisterung für Gott in ihnen aus. So fühlen sie sich Gott ganz nah.

Fühlen

Ganz im Gegenteil zu Menschen, die Gott gerade in sinnlichen Erfahrungen erleben: wenn sie geistliche bzw. christliche Musik hören, einen Gottesdienst in einem großartigen Bauwerk genießen können oder ein kunstvolles Bild betrachten. Diese Christen brauchen Gefühle und legen eher Wert auf Intuition. Für diese Menschen sind sinnliche Erfahrungen keine Ablenkung, sondern Hinführung zu Gott. Gerade wenn Schönheit ihnen den Atem raubt, können sie Gott loben. Manche, wenn auch längst nicht alle, mögen es gar, wenn ihre Gefühle so richtig in Wallung kommen. Mit lauter Musik und vielen anderen Menschen, die Feuer und Flamme für Gott sind und ihn anbeten.

Zurückziehen

Viele andere Christen erleben Gott vor allem, wenn sie sich zurückziehen können und wenn sie durch nichts und niemanden abgelenkt werden. Einsamkeit ist für sie keine Isolation, sondern Lebenselixier. Hier können sie auftanken, während Trubel und viele Leute sie auslaugen. Sie lieben es schlicht und leise, Askese ist für sie keine Strafe, sondern Hilfsmittel auf dem Weg zu Gott. Fasten, Meditation und Kontemplation sind die Mittel ihrer Wahl. Ein Leben wie im Kloster wirkt auf sie sehr anziehend. Gerne schaffen sie sich kleine Auszeiten im Alltag. Ruhe, eine Kerze und die Bibel reichen aus.

Ordnen

Sie ähneln Christen, die ihren Glauben gerne ordnen und für die Regelmäßigkeit und Rituale wichtige Elemente für einen lebendigen Glauben sind. Diese Menschen lieben die Traditionen der Kirchen und bekommen einen tiefen Zugang zu Gott, wenn sie sich danach ausrichten können. Regelmäßige Feiertage im Kirchenjahr, die Sakramente und vorformuliertes Gebet lassen sie etwas von dem spirituellen Reichtum des christlichen Glaubens spüren. Sie merken: Hier bin ich richtig, hier bin ich nah bei Gott. All diese Elemente helfen ihnen, die tiefe christliche Wahrheit und ihre Botschaft zu verstehen, auszudrücken und zu genießen.

Agieren

Wie der Fisch im Wasser fühlen sich andere Christen, die etwas für Gott bewegen können. Für sie ist es keine Option, sich in ihrem Glauben zurückzuziehen. Ihr Glaube gehört mitten ins Leben! Mitten in das Leben von Menschen, die keine Arbeit haben, ausgebeutet werden oder Hunger leiden. Solche Umstände lassen diese Christen nicht kalt. Sie wollen diese Welt nicht den Bösen überlassen, sondern Gottes Reich aktiv mitgestalten. Ihr Anpacken bringt sie nicht weg von Gott, sondern ist reinster Gottesdienst. Etwas für Gott zu tun, laugt sie nicht aus. Sie finden ohnehin keinen Frieden, wenn sie ihren Glauben nicht aktiv ausdrücken können. Ihnen kommt Gott besonders nahe, wenn sie ihren Teil dazu beitragen können, dass diese Welt ein besserer Ort wird.

Diese Liste ist natürlich bei Weitem nicht komplett. Die meisten Christen kombinieren zudem mehrere Zugänge. Und manches lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Manchen Christen ist Gott beispielsweise in der Natur sehr nahe. Den einen, weil sie dort allein sind. Den anderen, weil sie durch die Schönheit eines Wasserfalls von Gefühlen überwältigt werden und gar nicht anders können, als Gott zu loben. Der eine kommt in einen kontemplativen Zustand, wenn er geistliche Musik hört, der nächste fängt bei Lobpreismusik an zu tanzen.

Wege zu meiner persönlichen Spiritualität

Trotz dieser vielen Möglichkeiten, meinem geistlichen Leben auf die Sprünge zu helfen, fällt es mir nicht einfach in den Schoß. Ich muss irgendwo einen Anfang finden. Sechs Tipps auf dem Weg zu einer Spiritualität im Alltag.

Geduldig sein, klein anfangen

Zuerst müssen überzogene Erwartungen dran glauben. Oft überfordern sich Christen mit dem Wunsch, jetzt gleich das geistliche Leben zu führen, das sie schon immer führen wollten. Sie denken an die großen Vorbilder, an stundenlanges Gebet und tiefe Erkenntnis der Bibel. Besser beraten ist, wer klein anfängt. Fünf Minuten eine neue Art von Gebet ausprobieren. Fünf Minuten über einen Vers der Bibel meditieren. Das ist machbar. Das kann man durchhalten – und später ausbauen. Mein geistliches Leben zu entwickeln braucht Zeit und Erfahrung. Ich kann nicht einfach beschließen, ab morgen ein spiritueller Mensch zu sein.

Trennung von geistlich und alltäglich aufbrechen

Außerdem hat die Überzeugung ausgedient, dass geistliches Leben nur im Kloster stattfindet. Oder am Sonntag in der Gemeinde, wo ich Gott begegne oder mich für ihn einsetze. Der Heilige Geist hat unter der Woche keinen Urlaub! Nichts passiert ohne Gott, alles steht in Bezug zu ihm. Selbst wenn meine Arbeit keinen direkten christlichen Bezug hat, kann sie Gottes Schöpfungsauftrag entsprechen (1. Mose 1,28) – und damit letztlich eine Art geistliche Übung sein. Geistliche Übungen beschränken sich nicht nur auf Kontemplation und Gebet. Womit geistliches Leben auch im stressigen Alltag möglich ist, nicht nur in Taizé.

Vom Naheliegenden Gebrauch machen

Dazu gehört auch, das Offensichtliche nicht gering zu schätzen, sondern für mein geistliches Leben zu nutzen. Es kann schon Wunder wirken, wenn ich den schon genannten Sonntag, das Kirchenjahr, Fasten und den Zehnten bewusst als geistliche Übungen wahrnehme und lebe. Oft brauchen wir nicht noch mehr Aktionen, neue Ideen und mehr Inspiration. Manchmal reicht es, das schon Vorhandene als geistliche Übung wahrzunehmen und neu mit Glauben zu durchdringen. Dann halte ich z.B. einen Feiertag nicht mehr deshalb, weil es alle tun, sondern weil es mir hilft, meinen Glauben einzuüben.

Vielleicht muss ich mich ein wenig auf die Suche machen und etwas Staub von manchen altbekannten Elementen meines Glaubens wischen. Sehr wahrscheinlich hält aber jede Konfession interessante Überraschungen bereit. Weil sie Elemente enthält, die in ihrem Kern zutiefst geistliche Übungen sind. Diese schon vorhandenen Potentiale neu zu „durchglauben“, kann mich einen entscheidenden Schritt weiterbringen. Gerade deshalb vielleicht, weil ich gar nicht so viel ändern muss, damit mein Glaube eine neue Tiefe erhält.

Die Seele atmen lassen

Trotz allem, was ich tun kann, wird mein geistliches Leben ohne Zeiten der Ruhe nur schwer wachsen können. Nicht umsonst hat Gott schon zu Anfang aller Geschichte einen Ruhetag eingeführt (1. Mose 2,3). Meine Seele braucht Zeit, um nachzukommen und um Gottes Reden überhaupt wahrzunehmen. Minuten, Stunden und manchmal Tage, um Zeit mit ihm zu verbringen. Denn ohne Anbindung an Gott und seinen Heiligen Geist wird geistliches Leben hinfällig, Spiritualität zum Selbstbetrug. Also, Handy weglegen, Fernseher ausschalten und Mut zur Ruhe! Sie ist eine Grundzutat meines geistlichen Lebens.

Meine Zugänge kennenlernen

Was zum nächsten Punkt führt: Es kann mein geistliches Leben sehr voranbringen, wenn ich meine Zugänge zu Gott kenne. Also ob ich eher Gott mit dem Verstand lieben kann oder ihn spüre, wenn ich anderen Menschen helfe. Hilfreich ist es auf jeden Fall, verschiedene Wege auszuprobieren und die zu kultivieren, auf denen ich Gott besonders nah komme. Diese kann ich wieder hundertfach kombinieren. Um beim Beispiel des Bibellesens zu bleiben: Ich kann dazu an einem schönen Ort im Wald gehen. Oder mich anhand eines Kommentars durch ein Buch der Bibel diskutieren oder eine Hörbibel mit anderen Christen im Auto hören … Es stehen unzählige Möglichkeiten offen.

Wachsam bleiben

Allerdings sollte ich mir auch der Schwächen meiner Zugänge zu Gott bewusst sein. Wer ihm sehr gefühlsbetont nahekommt, steht in der Gefahr, Gott auch ohne innere Überzeugung anzubeten oder seinen Glauben von Gefühlen abhängig zu machen. Wer in der Einfachheit und Askese Gott findet, steht in der Gefahr, seinen Glauben nur privat zu leben und seine welt- und gesellschaftsverändernde Kraft zu ignorieren. Wer Gott mit dem Verstand liebt, steht in der Gefahr, viel zu wissen, aber wenig zu tun – oder besserwisserisch zu sein. Ich brauche eine gewisse Wachsamkeit und kritische Distanz mir selbst gegenüber. Und die Korrektur von anderen Christen.

Unterm Strich

Es gibt viele Möglichkeiten, meinem geistlichen Leben auf die Sprünge zu helfen und meinen Glauben einzuüben. Gerade wenn ich mir schon vorhandene Elemente meines Glaubens neu aneigne und die Grundzutaten Bibel, Gebet und Gemeinschaft mit meinen persönlichen Zugängen zu Gott kombiniere.

Trotzdem wird es auch dann Trockenzeiten und Anfechtung geben. Alle großen Vorbilder haben das erlebt. Geistliches Leben kann man nicht mit der richtigen Methode erzwingen. Es funktioniert auch nicht automatisch, wenn ich die richtigen Zutaten hinzugebe. Es wird Tage und Monate geben, in denen mich der Alltag einholt und mein geistliches Leben alles andere als faszinierend ist.

Gerade dann brauche ich die Rückbesinnung auf eine gesunde Motivation: Ich pflege mein geistliches Leben nicht allein, um meinen Glauben für andere attraktiver oder für mich prickelnder oder etwas richtig zu machen. Sondern um ein Leben mit dem spiritus sanctus, dem Heiligen Geist, einzuüben und in ein Leben mit Gott mehr und mehr hineinzufinden. Das meint christliche Spiritualität.

 

1 Weimarer Ausgabe 7, 337, 30, 1521
2 Zum Teil in Anlehnung an: Thomas, Gary L., Neun Wege, Gott zu lieben, SCM Brockhaus, 2010