Ist Gott ein moralisches Monster?

Im Alten Testament ruft Gott Israel scheinbar zum Völkermord auf. Wie kann man an einen solchen Gott glauben – und wie passt er zu Jesus, der die Feindesliebe predigt?

Richard Dawkins, einer der bekanntesten zeitgenössischen Atheisten, beschreibt den Gott des ersten Teils der Bibel mit den Worten: „Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann."1

In der Tat: Lese ich das Alte Testament, stoße ich auf Berichte, die unmenschlich, grauenvoll und abstoßend scheinen. Das bekannteste Beispiel dafür ist Gottes Befehl, das ganze Volk der Kanaanäer auszurotten (5. Mose 20,16f).

Wie kann ein Gott, der zu Nächsten- und Feindesliebe aufruft, ein solches Massaker anordnen? Widerspricht dieses gewaltsame Vorgehen nicht Gottes Barmherzigkeit? Und regen diese biblischen Texte nicht dazu an, im Sinne des „Heiligen Krieges“ die Kreuzzüge zu wiederholen oder den Dschihad islamischer Fundamentalisten nachzumachen? Ohne Zweifel bergen die alttestamentlichen Berichte einige unlösbare Herausforderungen. Trotzdem ist ein verantwortungsvoller Umgang mit diesen Berichten im Alten Testament gefragt, der Einseitigkeiten in der Auslegung vermeidet.

Lösungsvorschläge der Theologie

In der Geschichte der Theologie finden sich verschiedene Lösungsversuche, um die genannte Spannung zu verringern. Hierzu zählen die folgenden fünf Lösungsansätze:

1. Ablehnung des Alten Testaments: Eine einfache, jedoch extreme Variante findet sich bereits im 2. Jahrhundert, in der Lehre von Marcion aus Sinope. Auf ihn geht die noch heute einflussreiche Annahme zurück, dass der Gott des Alten Testaments böse und rachsüchtig sei, der Gott des Neuen Testaments aber gutmütig und liebend. Marcion nahm deshalb an, es müsse sich um zwei verschiedene Götter handeln, und lehnte daher das Alte Testament als Autorität ab. Diese Auslegung löst zwar das Ausgangsproblem, aber gleichzeitig wirft eine Verbannung des Alten Testaments aus dem biblischen Kanon neue Konflikte und Spannungen auf – dann verstehe ich zum Beispiel nicht, warum Jesus am Kreuz sterben musste.

2. Extreme Diskontinuität: Vertreter einer anderen Lösung betonen einen starken Bruch zwischen Altem und Neuem Testament. Die beschriebenen Ereignisse und das damit einhergehende Gottesbild kommen mit der Ankunft und Passion Jesu zu einem abrupten Ende. Wie Gott ist und was er tut, wird durch Jesus auf neue, ganzheitlichere Weise offenbart. Daher können die Menschen endlich das primitive Gottesbild des Volkes Israel ablegen. Die starke Betonung eines Bruches lässt jedoch die ebenfalls wahrnehmbaren fortlaufenden Linien beider Testamente außer Acht. So finden sich im Alten Testament Hinweise auf seine Liebe und im Neuen Testament eindeutige Belege für das kommende Gericht.

3. Ablehnung der Historizität: Angesichts mangelnder archäologischer Beweise für einen Völkermord zu Josuas Zeiten streiten einige Theologen die Historizität dieses Ereignisses ab. Sie gehen davon aus, dass es sich bei den Schilderungen um nachträgliche Reflexionen handelt, die gewisse Aspekte der Theologie des Bundesvolkes Israel historisch rechtfertigen sollten. Allerdings erweist sich auch dieser Vorschlag als problematisch. Zum einen ändert diese Annahme nicht das Gottesbild der Israeliten. Sie hatten offenbar keine Schwierigkeit damit, ein solches Vorgehen als göttlichen Befehl hinzustellen. Zum anderen hat dieses Konzept weitreichende Folgen für die Vertrauenswürdigkeit der Bibel.

4. Verneinung eines göttlichen Befehls: Andere Ausleger wiederum behaupten, Gott habe dieses Vorgehen gegen die Kanaanäer nicht befohlen. Vielmehr handele es sich um ein Missverständnis der Israeliten, die diesen Gewaltakt irrtümlicherweise als Gottes Anweisung verstanden hätten. Diese Lösung hält zwar Gott aus dem Spiel, wirft aber zwei Schwierigkeiten auf: Erstens wird in allen Fällen, in denen das Volk oder einzelne Menschen Gott missverstanden haben, dies in anderen Texten kritisiert oder korrigiert. Zweitens wird die Vollstreckung des Banns an den Kanaanäern ausdrücklich als Erfüllung des göttlichen Plans dargestellt.

5. Vergeistlichung des Ereignisses: Wieder andere Ausleger wollen den Text nicht wörtlich, sondern allegorisch verstanden wissen. Der Text vermittelt für sie nicht tatsächliches Geschehen, sondern eine geistliche Lektion. Die Schilderungen könnten ein Bild sein für den geistlichen Kampf gegen satanische Mächte. In der Bibel selbst werden immer wieder Geschichten verwendet, um zu warnen, zu ermutigen, herauszufordern und Hoffnung zu vermitteln. Das stellt jedoch nicht in Frage, dass diese Geschichten tatsächlich passiert sind. Denn die vom Autor gewählte Gattung zeigt klar, dass seine Darstellung kein Gleichnis ist, sondern die Realität beschreiben soll.

Die bisher diskutierten Konzepte bemühen sich, eine Lösung zu geben, schaffen es aber letztlich nicht, die Spannung aufzulösen. Das kann nur ein genauer Blick auf den literarischen, historischen und theologischen Zusammenhang leisten. Fünf Aspekte können dem heutigen Leser eine Hilfe sein, den Bannbefehl im Kontext der Bibel besser zu verstehen.

Was der Text uns sagt

Leser der Bibel sollten nicht vergessen, dass sie Literatur ist. Entsprechend kann nur der die Absicht des Autors angemessen verstehen, wer die sprachlichen und stilistischen Eigenschaften des Textes erfasst hat. Hier ist vor allem auch der literarische Kontext wichtig, in dem der Text steht. Er macht deutlich, dass der Bannbefehl nicht aus rassistischen Gefühlen gegenüber anderen Nationen erfolgt, sondern es vielmehr um Israels Beziehung zu ihrem Gott geht. Gesagt wird das in 5. Mose 7,6: „Denn ein heiliges Volk bist du für den HERRN, deinen Gott; dich hat der HERR, dein Gott, aus allen Völkern erwählt, die auf Erden sind, damit du ein Volk des Eigentums für ihn seist.“ Die Hauptabsicht dieser Texte liegt darin, Israels besondere Beziehung zu Gott zu verdeutlichen.

Das unterstreicht den grundsätzlichen Sinn eines Banns im Alten Testament. Denn er beinhaltete zwar die völlige Vernichtung einer Stadt und ihrer Bevölkerung. Im Kern ging es aber darum, dass sich Menschen Gott ganz zur Verfügung stellen. Deshalb bedeutete der Bann vor allem, die Religion der Kanaanäer zu vernichten, die mit ihrem Götzendienst eine geistliche Gefahr für Israel darstellten.

Ein weiterer literarischer Aspekt, der heute viele Leser dieser Texte irritiert, ist der radikale Sprachgebrauch. So heißt es in Josua 6,21: „Und alles, was in der Stadt war, weihten sie der Vernichtung mit der Schärfe des Schwerts, Mann und Frau, Jung und Alt, Rind, Schaf und Esel.“ Verse wie dieser stützen die Annahme, dass Israel bei der Eroberung Kanaans ein grausames Blutbad anrichtete. Doch das muss nicht zwangsläufig der Fall sein, denn altorientalische Darstellungen von Kriegsgeschehnissen benutzten das literarische Stilmittel der Übertreibung (Hyperbel). Auch das Buch Josua ist keine Ausnahme und verwendet die damals übliche Militärsprache – mit all den dazugehörigen und damals selbstverständlichen Hyperbeln. Das wusste der damalige Leser, sodass dieses Stilmittel nicht als Verfälschung angesehen wurde.

Was wirklich geschah

Zusätzlich zu den literarischen Erkenntnissen helfen dem Ausleger auch die historischen Fakten, um die betreffenden Texte aus einer angemessenen Perspektive zu betrachten. Denn der Bannbefehl im Alten Testament war ganz klar auf die Kanaanäer beschränkt. Mit allen weiteren Völkern sollten die Israeliten in Frieden leben. Sie sollten nur zur Verteidigung Kriege führen und jede Landnahme über das Gebiet hinaus, das Gott Abraham zugesagt hatte, wurde ihnen von Gott ausdrücklich verboten.

Der göttliche Bannbefehl und die Bestätigung, dass Josua den Bann vollstreckte, erwecken zudem den falschen Eindruck, dass Israel diesen Auftrag im ganzen Land ausführte. Das war aber nicht der Fall. Vielmehr macht das Buch Josua klar, dass dieses Verfahren nur in vier Städten angewendet wurde: Jericho (Josua 6,1–27), Ai (Josua 7,1 - 8,29), Hazor (Josua 11,10–15) und Lais (Josua 19,47). Dies wird auch durch archäologische Funde untermauert. Die Archäologie kann eine flächendeckende Zerstörung kanaanäischer Städte nicht belegen.

Des Weiteren kann man davon ausgehen, dass die vier angegriffenen Städte Militärstützpunkte und keine reinen Wohngebiete waren. Archäologisch gesehen fehlt jeder Hinweis auf eine dort ansässige Zivilbevölkerung. In der Bronzezeit wurden Städte hauptsächlich für Regierungsgebäude verwendet, während der Rest der Bevölkerung im Umland wohnte. Sowohl Jerichos Mauer als auch die Tatsache, dass die Israeliten an einem Tag sieben Mal um die Stadt marschieren konnten, stützen diese Annahme. Es handelte sich eher um einen Militärstützpunkt als um eine Großstadt mit vielen Einwohnern. Israels Angriff der benannten Städte war also gegen die Regierung und ihre Streitkräfte gerichtet, von einem Völkermord kann keine Rede sein.

Gerechtigkeit und Liebe im Einklang

Dieses Wissen rückt die geschilderten Ereignisse in ein anderes Licht und nimmt der empfundenen Problematik einen Teil ihrer Schärfe. Die verbleibenden theologischen Fragen können dadurch jedoch nicht aufgelöst werden. Nur ein ganzheitlicher Blick darauf, wie Gott in der Bibel dargestellt wird und wie sein Plan mit dieser Welt aussieht, gibt letztlich Aufschluss über Gottes Handeln in dieser speziellen Situation.

Im vorliegenden Kontext stechen zwei Charaktereigenschaften Gottes in besonderer Weise hervor: er ist absolut heilig, gleichzeitig gerecht. Gott hebt sich von allem ab, was nicht heilig ist. Seit dem Sündenfall (1. Mose 3) besteht zwischen Gott und den Menschen ein unüberwindbarer Bruch, denn weil er heilig ist, kann Gott das Böse nicht tolerieren. Die Bibel beschreibt immer wieder, wie Gott Nationen, Städte oder Individuen bestraft, wenn sie sich trotz wiederholter Warnung nicht ändern. Auch der Krieg gegen Kanaan war eine Strafmaßnahme Gottes, bei der Israel sein Werkzeug war. Denn die religiöse Praxis des Volkes Kanaan beinhaltete Kinderopfer, die in der Bibel an mehreren Stellen verurteilt und unter anderem als Grund für die Zerstörung Kanaans genannt werden (5. Mose 12,29-31). Diese Tatsache wirft ein neues Licht darauf, wie die Eroberung Kanaans beurteilt werden sollte. Denn es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen willkürlicher Gewalt und einer gerechten und angekündigten Strafe.

Der zweite Punkt, der mit Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit zusammenhängt, bezieht sich auf sein Volk: Gott ruft Israel zu einem heiligen, ihn verherrlichenden Lebensstil auf (3. Mose 19,2). Durch die Israeliten wollte Gott seinen heilsgeschichtlichen Plan für die Welt umsetzen. Daher durfte alles, was sie zu einem Bruch dieses Verhältnisses verleiten könnte, keinen Platz in Israel haben. Das direkte Zusammenleben mit den Kanaanäern, die Israel immer wieder zu heidnischen Praktiken anstifteten, bedrohte die Beziehung. Sie zu enteignen und zu vernichten bedeutete auch einen Schutz für das Volk Israel.

Viele Leser der Bibel sehen in dieser Gerechtigkeit und dem Zorn Gottes einen Widerspruch zu seiner Liebe. Denn wie kann ein liebender Gott so zornig werden? Es fällt schwer, diese Eigenschaften zusammenzubringen. Doch gleichzeitig sind sie untrennbar miteinander verbunden. Denn das Einzige, was Gottes Zorn entfachen kann, ist das Böse, das versucht, Gottes liebende Absichten zu untergraben. Sein Zorn ist ein Zorn aus Liebe und steht nicht im Widerspruch zu seiner Liebe, sondern ist ihre natürliche Konsequenz: Gott ist zornig, weil er die Menschen liebt.

Bannbefehl ist Teil des Rettungsplans Gottes

Bei allem moralischen Unbehagen, die die Schilderung des Einzugs in Kanaan auslösen kann, sollte ich nicht vergessen, dass sie Teil des Heilsplanes Gottes ist. Gott wünscht sich nichts mehr, als dass alle Menschen gerettet werden. Er offenbart sich als ein Gott, der in die Geschichte eingreift, um diese geschichtsübergreifende Absicht zu realisieren. Letztlich ist auch das Gericht über die Kanaanäer ein Teil dieser Heilsgeschichte. Lange bevor das Volk Israel bestand, hatte Gott Abraham erwählt und mit ihm einen ewigen Bund geschlossen. Er und seine Nachkommen sollten zu einem Segen für die ganze Welt werden (1. Mose 12,1–2). Durch sie wollte Gott alle Menschen retten. Teil dieser Abmachung war das Versprechen, dass Gott seinem Volk ein Land geben wird (1. Mose 15,7–21). Diese Verheißung ging mit dem Einzug in Kanaan in Erfüllung.

Gerade deshalb ist es erstaunlich, dass das Buch Josua nicht mit einer Eroberung beginnt, sondern mit einer Bekehrungsgeschichte. Die erste kanaanäische Person, die der Leser kennenlernt, ist jemand, der Gottes Souveränität anerkennt und daraufhin in das Volk Gottes aufgenommen wird. Diese Frau Rahab wird sogar im Stammbaum Jesu genannt (Matthäus 1,5).

Anwendung auf heute

Zum Abschluss bleiben zwei Fragen: Besteht zwischen den Anweisungen im Alten Testament und den Idealen des Neuen Testaments generell eine Verbindung oder nicht? Und gibt es im 21. Jahrhundert irgendeine Rechtfertigung, Gottes Anordnung an Josua erneut anzuwenden?

Gottes Befehl, die Kanaanäer auszurotten, war eine Maßnahme, um sein Volk geistlich zu beschützen. Der Götzendienst der Kanaanäer basierte auf einer fragwürdigen Weltanschauung, die alle Lebensbereiche ihrer Gesellschaft beeinflusste. Es war notwendig, diesen Mächten Einhalt zu gebieten. Dies konnte Israel in dieser speziellen Situation zum Teil durch Krieg umsetzen. Für Christen heute ist das aber keine Option. Die Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen soll vielmehr mit der von Gott bereitgestellten geistlichen Waffenrüstung ausgetragen werden (Epheser 6,10ff).

Zudem beschränkte sich der Bannbefehl Gottes auf eine bestimmte Menschengruppe in einem ganz bestimmten Zeitrahmen. Die Genauigkeit, mit der Gott die Israeliten auffordert, das verheißene Land einzunehmen, lässt keinen Zweifel daran, dass dies nicht wiederholt werden soll.2 Schon im Verlauf des Einzugs erklärt Gott den Israeliten, dass sie nach Frieden streben sollen (5. Mose 20).

Des Weiteren fordert Gott die Israeliten dazu auf, Fremde in ihrer Mitte zu beschützen und für sie zu sorgen – ihnen sogar die Teilnahme an religiösen Festen zu gestatten. Genauso wie Gott ein liebendes Anliegen und Heilsabsichten für diese Menschen hat, soll das Volk Israel ihnen mit Liebe begegnen (5. Mose 10,18–19). Diese gesetzlich vorgeschriebene Fremdenliebe, die sich sowohl durch das Alte (Jeremia 22,3) wie auch durch das Neue Testament (Matthäus 25,43–44) zieht, ist ein starkes Gegengewicht zum historisch begrenzten Befehl zur Vernichtung der Kanaanäer. Unter keinen Umständen sollte die Eroberung ein allgemeingültiges Verhaltensmuster für den Umgang mit anderen Menschen sein – weder für Israel noch für heutige Christen.

Ist Gott ein moralisches Monster? Gottes Befehl, die Kanaanäer auszurotten, ist und bleibt eines der schwierigsten ethischen Themen des Alten Testaments. Doch trotz aller offenen Fragen wird deutlich, dass Gott gute Gründe für sein Vorgehen hatte – auch wenn diese für heutige Leser auf den ersten Blick schwer ersichtlich sind.

© Eva Dittmann, Institut für Ethik & Werte

Zum ungekürzten Artikel

 

1 Dawkins, Richard. Der Gotteswahn. Berlin: Ullstein, 2007, S. 45

2 Ein wesentliches Detail ist, dass Gott jedes einzelne Volk benennt, an dem Israel den Bann vollstrecken soll.