Gibt es nur einen Weg zu Gott?

Jeder soll nach seiner Facon selig werden. Schön und gut. Letztlich stellt sich trotzdem die Frage, wie man selig wird. Findet man die Antwort darauf wirklich nur in einer Religion?

Wir leben in einer Welt, die immer mehr miteinander vernetzt ist und in der die einzelnen Staaten immer mehr miteinander zu tun haben. Da stellt sich nicht nur die Frage nach der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit, sondern auch die, wie Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen friedlich miteinander umgehen können. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang überlegt, welche Rolle die verschiedenen Religionen spielen: Ob sie nicht sowieso alle zu Gott führen oder ob es nicht besser wäre, wenn Glaube zur Privatsache erklärt werden würde. Dieser Artikel versucht, aus christlicher Sicht eine Antwort auf diese Fragen zu geben.

Was Religionsphilosophen schon lange wussten: Religionen haben vieles gemeinsam

Fragt man danach, ob alle Religionen einen gemeinsamen Nenner haben, fällt vermutlich zuerst die Frage nach dem Sinn des Lebens ein. Egal ob Buddha, Moses, Jesus oder Mohammed: Von außen betrachtet hatten sie alle die Absicht, den Menschen um sich herum zu zeigen, wie man Glück findet, was man tun oder lassen sollte, wie man in Beziehung zu Gott treten kann bzw. ob es Gott überhaupt gibt.

Aber es gibt noch weitere Gemeinsamkeiten. Hindus, Buddhisten, Muslime, Juden und Christen gehen davon aus, dass das, was ein Mensch auf der Erde tut, Auswirkungen auf das Leben nach dem Tod bzw. sein nächstes Leben haben wird. Es gibt also überall eine Art von Himmel und Hölle, auch wenn diese jeweils unterschiedlich definiert sind. Eine Ausnahme bildet der Konfuzianismus, der sich rein auf das Diesseits beschränkt.

Juden, Muslime und Christen glauben an einen, personifizierten Gott, der den Menschen geschaffen hat. Die Welt hat einen Anfang und ein Ende, und alles, was in der Welt geschieht, hat einen Bezug zu Gott. Darüber hinaus gehen diese drei Religionen davon aus, dass Gott sich dem Menschen in Buchform offenbart hat.

Hindus und Buddhisten haben gemeinsam, dass ihre Religionen keinen Absolutheitsanspruch haben und andere Religionen und religiöse Ausrichtungen in sich integrieren können. Sowohl im Islam, als auch im Judentum, im Buddhismus und im Hinduismus gibt es Speisegesetze. Buddhisten und Christen legen jeweils starken Wert auf Mitgefühl bzw. Nächstenliebe der Schöpfung und den Mitmenschen gegenüber.

Was Religionsphilosophen auch schon lange wussten: Gleich sind sie sich trotzdem nicht

Die angeführten Beispiele zeigen, dass es Anknüpfungspunkte zwischen den Religionen gibt. Bilden diese eine gemeinsame Schnittmenge, die das Wesen aller Religionen ausmacht? Um diese Frage beantworten zu können, ist es wichtig, auch die Unterschiede zwischen den Religionen zu kennen.

Während für Christen Jesus Christus zum Beispiel Gottes Sohn ist, ist es für einen Muslim Gotteslästerung, so zu denken. Jesus spielt zwar auch im Islam eine Rolle, ist aber nur ein Prophet und nicht der von Gott gesandte Erlöser und Herr der Menschheit. Das Judentum sieht in Jesus Christus ebenfalls nicht den Sohn Gottes.

Hindus und Buddhisten trennt das Kastensystem. Es ist für einen Hindu zentrale Grundlage seines Glaubens, denn die Taten des vorherigen Lebens entscheiden, in welche Kaste er im nächsten hineingeboren wird. Buddhisten verwerfen dieses System als Menschen gemacht. Ein Hindu teilt wiederum die Auffassung des Buddhismus nicht, dass es keinen Gott bzw. keine Götter gibt.

Buddhisten und Christen gehen unterschiedlich an die Frage heran, wie sich der Mensch erlösen kann. Ein Buddhist glaubt, dass der Mensch seine eigene Natur zu reinigen vermag, weil er die Gesetze kennt, die eine solche Reinigung bewirken. Ein Christ stützt sich für seine Erlösung dagegen nicht auf seine eigene Kraft, weil er glaubt, dass nur das Vertrauen in Jesus Christus ihn retten und sein Leben grundlegend verändern kann.

Muslime empfinden ihre Religion als einprägsam und leicht zu befolgen, dass sie aus diesem Grund Menschen unterschiedlicher Völker und Rassen einen gemeinsamen Charakter geben kann. Von den anderen Religionen wird genau dies als Schwachpunkt des Islams angesehen: Er mache es seinen Anhängern zu einfach und fordere zu wenig von ihnen. Hindus kritisieren, dass im Islam bestimmte heilige rituelle und soziale Bräuche nicht eingehalten werden und Kühe zum Beispiel getötet werden dürfen. Der Buddhismus lehnt den Monotheismus des Islams ab.

Bei vielen Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den Religionen also auch Unterschiede. Vor allem im Bezug auf die Frage nach Gott und dem Thema Schuld und Vergebung werden unterschiedliche Antworten gegeben. Wer das Wesen der Religionen deswegen zum Beispiel auf das richtige ethische Verhalten reduziert, klammert die Frage nach Gott aus. Das ist nach dem Verständnis der drei monotheistischen Religionen aber auch für den Hinduismus undenkbar. Denn nur über Gottes Offenbarung lässt sich nach ihrem Verständnis definieren, was richtiges und falsches Verhalten ist.

Wie sieht ein Elefant aus? Oder: Die Frage nach der Wahrheit

Für einen Menschen, der nach Gott oder verbindlichen, ethischen Maßstäben sucht, stellt sich die Frage, wie er diese finden kann. Findet sich die Antwort nur in einer der Religionen, weil nur sie die wahren Antworten geben kann? Oder reflektieren alle Religionen ein Stück Wahrheit und erst zusammen ergibt sich ein Bild davon, wie die Wahrheit aussieht?

In diesem Zusammenhang wird oft die Geschichte von den Blinden und dem Elefanten zitiert: Einige blinde Menschen bekommen den Auftrag, einen Elefanten zu beschreiben. Einer von ihnen betastet den Rüssel und beschreibt den Elefanten als ein langes, bewegliches und dünnes Tier. Ein anderer tastet sich an einem Bein entlang und meint, dass der Elefant eine gedrungene, unbewegliche Spezies sein müsste. Beide haben Recht – und erfassen doch nur einen Teil des Ganzen. Erst wenn sie miteinander sprechen und voneinander lernen, werden sie den Elefanten in seiner Ganzheit begreifen können. Ist es so nicht auch mit den verschiedenen Religionen?

Aus dieser Geschichte kann man zwei Schlussfolgerungen ziehen. Die erste wäre, dass jeder Mensch erkennen muss, dass er die Ergänzung anderer Menschen braucht. Das gilt zum einen für die Anhänger ein und derselben Religion aber auch für Gespräche mit Andersgläubigen oder Atheisten und Agnostiker.1 Umgekehrt können letztere ebenfalls von Gesprächen mit Gläubigen profitieren. Alle gemeinsam können lernen, den anderen in seiner Auffassung stehen zu lassen.

Die zweite Schlussfolgerung wäre, dass alle Religionen die Wahrheit widerspiegeln. Denn jeder der Blinden hat ja etwas Richtiges beschrieben. Das Problem bei dieser Auffassung ist folgendes: Wer diesen Rückschluss zieht, geht davon aus, dass jemand als Sehender am Rand steht und den Blinden zuschaut. Als Zuschauer kann er feststellen, was den Blinden nicht möglich ist: Dass nämlich alle Blinden trotz der Unterschiede ein und denselben Elefanten beschreiben. Dieser Sehende könnte auch helfen, wenn ein Blinder nicht den Elefanten betasten würde, sondern stattdessen einen Besenstil, der versehentlich neben dem Elefanten liegt. Sind aber alle blind, kann keiner mit Sicherheit sagen, dass sie alle dasselbe Tier beschreiben.

Die Frage ist, in welcher Position sich der Mensch befindet: Kann er sehen – und deswegen auch Auskunft darüber geben, was Elefant ist und was nicht oder ist er blind und kann den Elefanten bzw. die Wahrheit nicht erfassen? Man geht heute allgemein davon aus, dass jeder in seiner Denk- und Wahrnehmungsweise durch seine Kultur und Biographie geprägt ist. Das bedeutet, dass keiner Fakten oder Beobachtungen zu religiösen Fragen wirklich objektiv deuten und erklären kann. Aus diesem Grund kann auch niemand wirklich sagen, ob es nur eine wahre Religion gibt oder ob alle Religionen ein Stückchen der Wahrheit widerspiegeln. Als Menschen können wir das einfach nicht wissen. Deswegen sind beide Ansichten berechtigt. Es bleibt eine Frage der persönlichen Überzeugung, welche Auffassung wahrscheinlicher ist.

Hat Jesus was, was andere nicht haben?

Der christliche Glaube geht davon aus, dass es nur einen Weg zu Gott gibt. Dieser Weg besteht nicht aus Regeln oder einem bestimmten Verhaltenskodex, sondern in einer Beziehung zu Jesus Christus. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied des christlichen Glaubens im Vergleich zu anderen Religionen.

Jesus und die Beziehung zu ihm sind aus mehreren Gründen so zentral für Christen:

  • Wenn man sich die Bibel durchliest, entdeckt man, dass die Beziehung zwischen Gott und Mensch eine sehr persönliche Dimension hat. Gott hat den Menschen als ein Gegenüber geschaffen. Von Anfang an war es ihm wichtig, dass der Mensch in Beziehungen zu seinen Mitmenschen, aber auch in einer engen Beziehung zu Gott lebt. Es geht Gott nicht in erster Linie um das, was ein Mensch tut, sondern darum, dass ein Mensch in Verbindung mit ihm steht.

  • Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist nicht so, wie sie sein sollte. Das zeigt sich im alltäglichen Leben: Als Menschen beziehen wir Gott kaum in unseren Alltag mit ein. Selbst wenn wir das tun, fällt es uns oft schwer, ihm zu vertrauen oder seine Stimme aus unseren eigenen Gedanken und den Meinungen anderer herauszuhören. Oft steht auch Schuld zwischen uns und Gott oder uns und unseren Mitmenschen. Wir leben nicht so, wie es gut für unsere Beziehung zu ihm, zu unseren Nächsten und Gottes Schöpfung gegenüber wäre.

  • Diese Dinge trennen uns von Gott. Die Bibel beschreibt, dass der Mensch aus sich heraus nicht die Kraft hat, diese Trennung zu überwinden. Er schafft es nicht, Gott und seinen Nächsten so zu lieben, wie es sein müsste, damit alle Beziehungen gesund und heil wären.

  • Umgekehrt liebt Gott jeden Menschen aber mit dieser perfekten Liebe. Deswegen ist es sein größtes Anliegen, die kaputte Beziehung zwischen ihm und dem Menschen und auch zwischen den Menschen zu heilen. Hier kommt Jesus Christus ins Spiel. Nach biblischem Verständnis ist er nicht nur ein Lehrer, der den Menschen zeigen wollte, wie sie sich verhalten sollen. Das Neue Testament geht davon aus, dass Gott in Jesus selbst Mensch wird. Als dieser Mensch lebt er total in Einklang mit dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Deswegen können bei ihm Beziehungen heil werden, sowohl die zwischenmenschlichen als auch die zwischen Gott und Mensch.

  • Gleichzeitig geht Jesus das Problem der Schuld an. Schuld fordert Wiedergutmachung oder Vergeltung, sonst wird die Gerechtigkeit untergraben. Als unschuldiger Mensch nimmt Jesus am Kreuz die Schuld seiner Mitmenschen stellvertretend auf sich. Er wird wieder lebendig, damit es den Menschen möglich wird, ein neues Leben ohne Schuld zu beginnen.

  • Die Kernaussage des christlichen Glaubens liegt nun darin, diesen Tausch anzunehmen: Der Mensch überlässt Jesus seine Schuld und sein Versagen gegenüber Gott und Menschen. Jesus bietet dem Menschen dafür Vergebung und eine neue, heile Beziehung zu Gott an. Durch den heiligen Geist hilft er außerdem dabei, in Zukunft in dieser neuen Beziehung zu leben und sich auch den Mitmenschen gegenüber anders zu verhalten.

Jesus beansprucht für sich, dass er der einzige Weg zu Gott ist. Nach biblischem Verständnis tut er das nicht, weil er arrogant oder engstirnig wäre, sondern weil nur er die Frage nach den kaputten Beziehungen und der Schuld wirklich lösen kann. Aus diesem Grund können andere Religionen aus christlicher Sicht den Weg zu Gott auch nicht frei machen.

Besser leben ohne Religion?

Immer wieder wird gefragt, ob es nicht friedlicher in dieser Welt zuginge, wenn es keine Religionen gäbe oder jeder seine Überzeugung still und leise für sich ausleben würde. Angesichts von Terror, der religiösen Motiven entspringt, ist diese Frage heute vielleicht so aktuell wie selten zuvor. Zwei Gedankenanstöße dazu.

Erstens sind und waren viele Kriege religiös motiviert. Bis heute werden Menschen im Namen einer Religion unterdrückt. Oft spielt dabei aber nicht nur die religiöse Überzeugung eine Rolle, sondern ein Gemisch aus Glauben, Geld, Macht und Geltungsdrang. Das Christentum und der Islam scheinen besonders gefährdet zu sein, dieser Mischung zum Opfer zu fallen. Auch in der Geschichte von Judentum, Hinduismus und Buddhismus findet man blutige Spuren – allerdings in geringerem Ausmaß.

Das Gleiche lässt sich aber auch von atheistischen oder sozialistischen Weltanschauungen sagen. Schaut man sich das 20. Jahrhundert an, dann sind viele Menschen gerade den Denksystemen zum Opfer gefallen, die ohne Religion auskommen wollten. Die Abschaffung aller Religionen scheint also nicht der Weg zu sein, um ein friedliches Miteinander aller Menschen zu garantieren. Zumal es immer wieder auch der Glaube ist, der Menschen dazu motiviert, friedlich zu leben und Streit zu schlichten.

Zweitens liegt es im Wesen einer Religion oder Weltanschauung, nach außen zu wirken. Alle Religionsstifter haben ihre Umgebung geprägt. Das liegt daran, dass jeder Mensch ein öffentliches Wesen ist. Was einer sagt oder wie er handelt, ja selbst das, was er nicht sagt oder tut, hat Auswirkungen auf seine Mitmenschen. Bei manchen ist das nur eine kleine Anzahl von Menschen. Bei Verantwortungsträgern sind es natürlich mehr.

Viele dieser Auswirkungen nach außen waren und sind positiv: Karitative Einrichtungen und soziale sowie politische Bewegungen werden in sehr vielen Fällen von Menschen angeregt oder getragen, die aus ihrem Glauben handeln. Religionen haben also nicht nur Schaden angerichtet, sondern auch ganze Gesellschaften zum Besseren hin verändert.

Die Frage lautet also nicht: Religionen – ja oder nein? Es geht vielmehr darum, dass Gläubige der verschiedenen Religionen sowie Atheisten und Agnostiker lernen, aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu respektieren und in den verschiedenen Ansichten stehenzulassen. Auch wenn man darüber diskutiert und sich austauscht. Jedem sollte es frei stehen, seinen Glauben zu bekennen und seine Religion zu wechseln, wenn er das möchte.

Christen haben dabei das Vorbild von Jesus Christus. Er hat klar gesagt, was er geglaubt hat. Gleichzeitig hat er aber nie versucht, die Menschen mit Gewalt von seiner Lehre zu überzeugen. Wenn jemand ihm nicht nachfolgen wollte, ließ er ihn gehen und er hat selbst die geliebt, die ihn getötet haben. Wo Menschen versuchen, so zu leben, können sie miteinander auskommen – auch wenn sie verschiedenen Religionen und Weltanschauungen angehören.

Die Informationen zu Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Religionen sind zusammengestellt nach: H.v. Glasenapp, Die fünf Weltreligionen, Eugen Diederichs Verlag, München, 1998.

1 Agnostiker gehen davon aus, dass eine rationale Erkenntnis über das Göttliche oder das Übersinnliche nicht möglich ist.