Selbstannahme: Was bin ich wert?

Wer Christ wird, hat nicht automatisch ein positives Selbstbild. Aber allen Grund dazu!

„Selig ist der Mensch, der mit sich selbst in Frieden lebt. Es gibt auf Erden kein größeres Glück.“ Was der deutsche Dichter Matthias Claudius hier in einem Satz so treffend auf den Punkt bringt, beschäftigt nicht nur Therapeuten, Seelsorger und Erzieher. Viele Menschen stellen sich früher oder später die Frage nach dem eigenen Wert. Es gibt unterschiedliche Namen dafür. Die Psychologie spricht von Selbstwert oder Selbstkonzept, in der Theologie redet man von Selbstannahme oder Selbstliebe. Doch egal, wie man es nennt: Es scheint für Menschen wichtig zu sein, wie sie über sich denken und welchen Wert sie sich zuschreiben, auch wenn es dabei kulturelle oder regionale Unterschiede gibt.1

Menschen, die kein starkes Selbstwertgefühl haben, die sich nicht angenommen haben, haben es in einer immer komplexeren und komplizierteren Welt schwerer: „Angesichts des geschwundenen kulturellen Konsenses, angesichts fehlender Rollenmodelle, die es wert sind, dass man ihnen nacheifert, angesichts der Tatsache, dass es in der öffentlichen Arena so weniges gibt, das uns beflügelt, uns dafür zu engagieren, und angesichts der so verwirrenden rapiden Veränderungen, die bezeichnend für unser heutiges Leben sind, ist es gefährlich, wenn wir nicht wissen, wer wir sind oder uns nicht selbst vertrauen.“2

Liebender Vater – zorniger Gott?

Auch Christen haben nicht automatisch ein positives Selbstbild. Ein bekanntes Beispiel für mangelnde Selbstannahme ist der deutsche Reformator Martin Luther. Aufgewachsen mit einem strengen Vater3, der ihm seine Liebe nicht offen zeigen konnte, bemüht sich Luther auf verschiedenen Wegen die Annahme zu finden, die ihm von seinem Vater fehlte. Er sucht Halt in der Religion, lernt hier aber Gott als einen noch strengeren Vater kennen. Er bemüht sich, die Anerkennung dieses Vaters durch religiöse Leistungen zu erlangen. Luther lebt seinen Glauben immer radikaler. Er entscheidet sich, ins Kloster zu gehen, um Gott dort vollkommen zu dienen.

Doch sein Verständnis von Gott ist stark geprägt vom damaligen Weltbild, das von der katholischen Kirche beeinflusst ist: Gottes Zorn ruht trotz Sterben und Leben Jesu weiterhin auf den Menschen und muss durch gute Taten besänftigt werden. Diese Theologie passt zu Luthers biografischen Erfahrungen. Das Problem mangelnder Selbstannahme verdichtet sich somit mehr und mehr zu einem schmerzlichen Lebensgefühl bei Luther.

Der Durchbruch kommt für Martin Luther, als er die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens neu entdeckt. Er erkennt: Gott selbst hat durch Jesu Tod am Kreuz selbst alle Anforderungen erfüllt, die er an die Menschen hat. Dem Einzelnen bleibt nur noch eins übrig: dieses Geschenk dankend anzunehmen. Luther erfährt, dass Glauben zuerst bedeutet, die Liebe Gottes anzunehmen. Und diese Liebe zeigt sich in seiner vergebenden Zuwendung durch Jesus Christus.

Für Luther eine Erfahrung, die sein Leben auf den Kopf stellt und auch das Verhältnis zu seinem Vater in ein neues Licht rückt: Er muss sich nicht länger dessen Liebe verdienen, er kann ihn so annehmen wie er ist. Durch diese Gelassenheit entdeckt er auch immer mehr die liebenden Seiten seines Vaters Hans Luthers.

Wie dich selbst

Als Jesus einmal nach dem wichtigsten Gebot Gottes gefragt wurde, antwortete er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“ (Matthäus 22,37-40, Einheitsübersetzung).

Wenn Jesus also darüber spricht, wie Menschen leben sollen, dann redet er in erster Linie nicht von irgendwelchen religiösen Riten oder Dogmen. Er spricht in erster Linie von der Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Dabei ist es nicht so, dass Jesus hier explizit zur Selbstliebe herausfordert, frei nach dem Motto: „Zuerst musst du schauen, dass du dich und deine Bedürfnisse an erste Stelle setzt. Das andere kommt dann ganz von allein.“ Aus der oben genannten Passage lässt sich also nicht der Befehl zur Selbstliebe ableiten. Dennoch wird deutlich: Jesus setzt die Selbstliebe voraus. Sich selbst zu lieben ist also nichts Unanständiges. Selbstliebe ist nicht gleichzusetzen mit Egoismus. Leider muss man sagen, dass gerade in christlichen Kreisen Selbstliebe und ein gesundes Selbstbewusstsein immer wieder als mangelnde Demut ausgelegt werden. Dabei verhält es sich genau umgekehrt. Nur wer um die eigene Stärke weiß, muss sie nicht ständig unter Beweis stellen. Nur wer seinen Selbstwert nicht an Pöstchen und Positionen festmacht, kann auch bei Bedarf seinen Platz einmal für einen anderen freimachen.

Als Ansporn für christliche Demut galt der frühen christlichen Kirche ihr Herr selbst. In einem der ältesten Texte des Neuen Testaments wird Jesus als Vorbild für die Gläubigen dargestellt, weil er nicht krampfhaft an seiner Stellung als Gott festhielt und für die Menschen Mensch wurde (Philipper 2,6-11). Wahrhaft demütig kann also nur der sein, der um seinen eigenen Wert weiß und sich diesen deshalb nicht ständig beweisen muss. Nur dann bin ich frei, mich auch mal hinten anzustellen. Nur wer seinen Wert kennt und sich selbst liebt, kann andere lieben, ohne selbst immer gleich zu fragen, wie viel Liebe er denn zurückbekommt. Doch worin ist der Wert des Menschen begründet? Wie kann sich ein Mensch sicher sein, dass er wertvoll ist?

Der wertvolle Mensch

Nirgends sind die Würde und der Wert des Menschen tiefer verankert als in den ersten Zeilen der Bibel. Im 1. Buch Mose heißt es: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau.“ (1. Mose 1,27, Elberfelder Übersetzung). Diese zentrale Aussage der Bibel ist für so vieles von Bedeutung. Wer verstehen will, warum Gott den Menschen so liebt, findet hier eine Antwort. Wer nach den Grundlagen christlicher Ethik sucht, kommt an diesem Vers nicht vorbei.

Doch auch wer sich über seinen eigenen persönlichen Wert Gedanken macht, findet hier Antworten, die tragen. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen nach 1. Mose 1,27 meint nämlich nicht in erster Linie, dass der Mensch so ist wie Gott. Bei der Ebenbildlichkeit Gottes geht es in erster Linie darum, dass Gott den Menschen als ein Gegenüber schafft, als ein personales Wesen, mit dem er als personaler Gott in Beziehung tritt. Wer sich also morgens im Spiegel anschaut und sich nicht leiden mag, entdeckt: Egal, wie viele Pickel, Falten oder graue Haare ich habe, ich bin nach dem Bilde Gottes geschaffen. Als Gegenüber, als Ansprechpartner, mit dem er reden und Zeit verbringen will. Dieses Gegenüber ist genau der Mensch, der mich im Spiegel anschaut. Egal wie viele Pickel, Falten oder graue Haare ich dabei entdecke.

Der Mensch ist also vom biblischen Verständnis her von Anfang an darauf ausgelegt, eine Beziehung zu Gott zu haben und seine Liebe zu erwidern. Diese Liebesfähigkeit des Menschen – die natürlich auch Auswirkungen auf die Nächsten- und Selbstliebe hat – ist durch den Sündenfall zwar gestört, grundsätzlich aber besteht die Möglichkeit, diese wiederherzustellen.4 Aus diesem Grund ist Christus gekommen.

Gott gibt sich selbst für uns

Die Versuchung in der westlichen Welt besteht darin, dass Menschen ihren Selbstwert von äußeren Dingen wie Aussehen, Wohlstand oder Status abhängig machen. Die deutsche Band „Wir sind Helden“ beschreibt in einem ihrer Lieder die Unzufriedenheit mit einem Leben, dessen Glück sich nur nach dem Konsum richtet. Was anfänglich fasziniert, wird irgendwann erdrückend und passt nicht mehr:

Guten Tag guten Tag ich will mein Leben zurück

Ich tausch nicht mehr ich will mein Leben zurück

Guten Tag ich gebe zu ich war am Anfang entzückt

aber euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht

wenn man sich bückt -

Menschen sehnen sich nach einem Leben, dessen Qualität nicht vom Einkommen oder vom gesellschaftlichen Status abhängt. Nicht umsonst rangiert auch in der neuen Shell Jugendstudie die Familienorientierung bei Jugendlichen ganz weit vorne.5 Gerade in Zeiten steigender beruflicher Anforderungen erachten sie den familiären Rückhalt für besonders wichtig. Ein Leben, das Menschen als erfüllt und sinnvoll ansehen, hängt neben Gesundheit und ausreichender finanzieller Versorgung also noch ganz wesentlich von anderen Faktoren ab: Freundschaft, Liebe, Geborgenheit und Zuwendung. In der Bibel nimmt die Frage nach dem, was ein erfülltes Leben ausmacht, einen hohen Stellenwert ein. Auch für Jesus ist diese Frage wichtig. Man kann zugespitzt formulieren: Die zentrale Mission Jesu war es, den Menschen ein erfülltes Leben zu ermöglichen (Johannes 10,10).

Dieses erfüllte Leben, von dem Jesus redet, hat ebenso viel mit Freundschaft, Liebe und Zuwendung zu tun. Dabei geht es aber nicht in erster Linie um die Zuwendung von Menschen. Leben finden Menschen nach biblischem Verständnis in der Zuwendung Gottes. Seine Zuwendung zeigt Gott am deutlichsten in seinem Sohn Jesus Christus, der bereit ist, für seine Freunde sein Leben zu opfern (Johannes 15,13). Dass Gott sich selbst geopfert hat, zeigt, wie sehr er jeden einzelnen Menschen liebt. Diese Liebe ist von zentraler Bedeutung für die Selbstannahme. Weil Gott mit offenen Armen am Kreuz hängt und den Menschen in seiner Schuld und Zerrissenheit annimmt, kann sich der Mensch selbst annehmen. Wenn ich an meinem Wert zweifele, finde ich in der aufopferungsvollen Liebe Jesu am Kreuz die Gewissheit, dass ich wertvoll und angenommen bin: „Er hat ja nicht einmal seinen eigenen Sohn verschont, sondern hat ihn für uns alle hergegeben. Wird uns dann zusammen mit seinem Sohn nicht auch alles andere geschenkt werden?“ (Römer 8,32, NGÜ)

Weil Gott mich so bedingungslos geliebt hat und wieder in die Beziehung zum Vater geführt hat, darf ich mich auch bedingungslos lieben und in der Beziehung zum Vater heil werden. Der Theologe Prof. Dr. Hans Joachim Eckstein beschreibt das in einem Gedicht so:

„Als ich mich mit Dir

Versöhnen ließ,

wurde ich auch zunehmend

mit mir selbst und

meinem Leben versöhnt.“6

Erst aus der Annahme Gottes bekommt der Mensch letztlich die Möglichkeit, seinen Nächsten wie sich selbst anzunehmen. Mit dem Glauben an Jesus bricht eine neue Realität der Gottesnähe und Gottesbeziehung an, die immense Auswirkung auf mein persönliches Leben hat.

Hindernisse

Trotzdem sind wir als Menschen noch Teil dieser Welt. Unser Herz mag im Himmel sein, aber unsere Füße befinden sich auf dem Boden. Und dieser Boden ist mitunter sehr schmutzig. Das heißt: Wir leben tagtäglich damit, dass wir in einer gefallenen Welt leben, dass die Liebe, die Gott zu uns hat, sich nur bruchstückhaft in unseren alltäglichen Beziehungen widerspiegelt. Das kann zu Gottesbildern führen, die es schwer machen, die bedingungslose Liebe Gottes zu erkennen und anzunehmen. Dann fehlt eine wichtige Grundlage für die Selbstannahme.

Schlechte Erfahrungen mit den eigenen Eltern lassen das Bild von Gott als Vater zum Zerr- oder gar zum Horrorbild werden. Wer einen emotional abwesenden Vater erlebt hat oder gar Gewalt oder Missbrauch erfahren hat, dem wird es schwerfallen, Gott als liebevollen Vater zu sehen. Solche gravierenden Erfahrungen in der Kindheit lassen sich nicht einfach überwinden. Und schon gar nicht durch gut gemeinte Vorschläge wie: „Du musst einfach an die biblische Wahrheit glauben!“ Hier ist in aller Regel die liebevolle und professionelle Begleitung durch einen erfahrenen Therapeuten oder Seelsorger gefragt.

Aber auch ein negatives Selbstkonzept, das durch subtilere Formen der Ablehnung entstanden ist, lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Wer als Kind immer wieder zu hören bekam „Das kannst du nicht. Dazu bist du zu ungeschickt“, der muss Schritt für Schritt lernen, sich selbst in einem neuen Licht zu sehen. Auch hier ist es ratsam, auf professionelle Hilfe zurückzugreifen.

Darüber hinaus ist es wichtig, Gottes Liebe durch andere Menschen auch ganz praktisch zu erfahren. Gott zeigt seine Liebe dadurch, dass sein Sohn Mensch wurde. Das macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Liebe konkret und erfahrbar wird. Der Ort, wo das – trotz aller menschlicher Schwächen und Fehler – passiert, ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche. Hier wird die Liebe Gottes greifbar – mit Händen und Füßen. Nicht umsonst bezeichnet Paulus im Neuen Testament die Kirche als Leib Christi. In einer Gemeinschaft, die von Liebe und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist, können negativen Erlebnissen der eigenen Lebensgeschichte neue, positive Erfahrungen entgegengesetzt werden. Hier können auch Menschen, die innere Verletzungen mitbringen, die Liebe Gottes erfahren. Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine wirkungsvolle Selbstannahme.

Die Gemeinde ist auch der Ort, an dem man lernen kann, wie diese heilende Beziehung zu Gott im Alltag aussehen kann. Jesus selbst hat die Gottesbeziehung nicht nur ermöglicht, er hat sie seinen Jüngern auch vorgelebt. Er spricht davon, dass er und der Vater ein Herz und eine Seele sind (Johannes 10,30) und dass er aus dieser Beziehung heraus seine Kraft bezieht. Diese innige Beziehung zu Gott ist etwas, das ich ganz real erleben und erfahren kann. Man kann mit Gott reden wie mit einem Vater. Ich kann mich mit meinen täglichen Sorgen und Problemen an Jesus wenden wie an einen Freund. Im alltäglichen Leben mit Gott wird die grundlegende Wahrheit der Zuwendung Gottes zu jedem einzelnen Menschen immer wieder neu erfahrbar. Die Erfahrung der Zuwendung Gottes und der Glaube an seine Liebe sind unverzichtbar, wenn es darum geht, Gott zu lieben und seinen Nächsten – wie sich selbst.

 

1 Cervone, Daniel; John, Oliver P.; Pervin, Laurence A.; 2005, UTB, Stuttgart, 5. Aufl., S. 245f.

2 Psychotherapeut Nathaniel Branden, zit. nach „Psychologie Heute“ 04/2005., S. 20

3 Prinz, Alois. Rebellische Söhne: Die Lebensgeschichten u. a. von Hermann Hesse, Bernward Vesper, Franz von Assisi, Martin Luther, Klaus Mann und ihren Vätern. Beltz & Gelberg, Weinheim/Bergstraße, 2010

4 Härle, Wilfried. Dogmatik, 2. überarbeitete Auflage, Walter de Gruyter Lehrbuch, Berlin; New York 2000

5 16. Shell Jugendstudie, Archiv Shell News, www.shell.de/aboutshell/our-commitment/shell-youth-study.html (Stand 09.04.2015, 17:10 Uhr) 

6 Eckstein, Hans-Joachim. Du liebst mich – also bin ich: Gedanken, Gebete, Meditationen. Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1989