Prädestination und Verantwortung: Wer wählt hier wen?

Es ist zum verrückt werden: Die Bibel lehrt, dass Gott Menschen zum Heil erwählt, gleichzeitig soll der Mensch eine Wahl haben. Wie passt das zusammen?

Sie hat gebetet und mit Gott gerungen. Mit ihren Eltern argumentiert und ihrem Bruder so manchen groben Schnitzer verziehen. Ihren Glauben hat sie einladend und mit viel Herz vorgelebt. Genützt hat es nichts. Annes Familie will nichts von Gott wissen.

Das macht Anne manchmal fast rasend. Sie ist sauer auf Gott. Wenn er doch Menschen zum Glauben erwählt, wie es die Bibel lehrt, warum wendet er sich trotz all ihrer Gebete nicht ihrer Familie zu? Und wenn Gott schon vor ewigen Zeiten festgelegt hat, wer gerettet wird, warum hat er sich allem Anschein nach gegen ihre Familie entschieden?

Noch viel schlimmer: Genau die Frage nach der Vorsehung Gottes hält ihren Bruder davon ab, sich überhaupt auf den christlichen Glauben einzulassen. Schließlich schafft Gottes angebliche Souveränität de facto die menschliche Entscheidungsfreiheit ab, sagt er. Gott erwählt, wen er will. Er war wohl nicht dabei. Fertig. Und mal frech gefragt: Inwiefern unterscheidet sich diese schon ewig gültige Vorherbestimmung Gottes vom Schicksal, das laut Astrologie seit meiner Geburt vom Stand der Gestirne festgelegt ist? Wohl kaum, oder?

Ein großes Ärgernis

Annes Beispiel zeigt: Dass Gott scheinbar einige Menschen zum Glauben vorhersieht und andere nicht, kann sowohl Christen als auch Nicht-Christen sauer aufstoßen. Überhaupt ist der Gedanke eines Gottes, der völlig unabhängig Menschen zum Heil erwählt, für einen Menschen des 21. Jahrhunderts ein Schlag ins Gesicht. Diese Vorstellung stutzt in einem Rutsch den freien Willen des Menschen und seinen Drang zur Selbstverwirklichung zusammen und lässt nur den einen Gedanken gelten: Gott allein behält die Fäden in der Hand.

Bleibt die Frage, wie weit er dabei geht. Denn andererseits scheint es eine Grundüberzeugung der biblischen Autoren zu sein, dass ich mich für oder gegen ein Leben mit Gott entscheiden kann! Und wenn Gott ohnehin schon festgelegt hat, wer gerettet wird, warum dann Mission? Wenn ich ohnehin zum Heil vorherbestimmt bin, warum dann ein Leben führen, das Gott ehrt? Das Verhältnis von Gottes Vorhersehung und menschlichem Willen ist somit alles andere als schwarz-weiß. Zeit für biblische Grundlagenforschung.

Gott ist, handelt und erwählt souverän

Die Überzeugung, dass Gott völlig unabhängig ist, zieht sich durch die gesamte Bibel. Das fängt bei Gott selbst an. Er ist schlicht Gott, der Erhabene, über dem niemand sonst steht. Er ist Herr über die Natur (Psalm 107,29), über alle Menschen und Satan (Römer 16,20). Niemand im gesamten Universum oder darüber hinaus kann ihm das Wasser reichen. Bei dieser Souveränität Gottes, die in seiner Persönlichkeit und in seiner Eigenschaft als Gott gegründet ist, muss alles Nachdenken über Gottes Erwählung anfangen. Mit diesem Aspekt der Souveränität Gottes haben auch die wenigsten ein Problem. Allein jedes Gebet drückt den Wunsch aus, dass Gott souverän in mein Leben eingreift.

Diese Souveränität bleibt aber weder abstrakt noch willkürlich. Die biblischen Bücher beschreiben, wie Gott sehr zielgerichtet wirkt und mit Menschen handelt. Er hat einen schon längst festgelegten Plan mit dieser Welt und setzt seine Souveränität ein, diesen zu verwirklichen (Epheser 3,9-11). Dieses Vorhaben dreht sich vor allem um den Wunsch Gottes, dass die Welt und einzelne Menschen im Einklang mit seinem Willen leben (Römer 8,29) und um die große Rettungsaktion, die er durch Jesus Christus gestartet hat. In diesen großen Plan wird sich letztlich alles einfügen (Epheser 1,10). Auch mit diesem Aspekt der Souveränität Gottes haben wenige Probleme.

Die Probleme fangen aber an, wenn man genauer betrachtet, was Gottes Souveränität in Bezug auf den Menschen beinhaltet. Für jeden Menschen scheint Gott von Ewigkeit her eine bestimmte Aufgabe in seinem großen Plan mit dieser Welt zu haben (Jeremia 1,5). Gott herrscht letztlich souverän über alle Menschen – bis hin, dass er deren Entscheidungen lenkt. Der Prophet Jeremia schreibt: „Ich weiß, Herr, dass das Leben eines Menschen nicht in seinen eigenen Händen liegt. Es kann auch niemand seinem Leben von sich aus eine bestimmte Richtung geben.“ (Jeremia 10,23) Kein Wunder also, dass er schon immer jeden unserer Tage kannte (Hiob 14,5). Plötzlich wird Gottes Souveränität erschreckend persönlich, fast erdrückend.

Dieses Gefühl wird noch stärker, wendet man sich der Frage zu, wen Gott rettet. Wie sehr Gottes Souveränität damit verbunden ist, zeigt schon das Alte Testament. Hier erwählt Gott Israel als sein Volk, an dem er deutlich machen will, wie er ist (5. Mose 7,6-8). Grundlage dieser Wahl ist schlicht seine freie, völlig unabhängige und allmächtige Liebe. Seine Souveränität. Weder hat Israel Gott zuerst erwählt, noch hat es sich Gottes Zuneigung in irgendeiner Weise verdient. Im Gegenteil! Das kleine Volk erweist sich mehrmals als äußerst schwach und widerspenstig (5. Mose 9,4-6).

Ähnlich der Grundtenor im Neuen Testament. Gott hat die Christen schon erwählt, bevor die Welt überhaupt geschaffen war (Epheser 1,11). Es liegt folglich zutiefst in der Art und dem Wesen Gottes, zu retten. Zudem ist dieser Wille zeitlich völlig unabhängig und völlig losgelöst von dem, was ich tue oder nicht tue (Römer 9,11). Gott erwählt nicht, weil Menschen sich dazu entschließen oder es verdient hätten, sondern weil er sich aus Gnade dazu entschieden hat. Das Heil kommt vom Anfang bis zum Ende ganz aus Gottes Hand. Letztlich kommt nicht einmal die Grundlage für meine Entscheidung für oder gegen den christlichen Glauben aus mir selbst. Oder wie Jesus es ausdrückt: „Niemand kann von sich selbst aus zu mir kommen. Der Vater, der mich gesandt hat, muss ihn zu mir ziehen […].“ (Johannes 6,44)

Probleme über Probleme

Diese Sichtweise bringt eine Reihe von gravierenden Problemen mit sich, wie schon Annes Bruder angemerkt hat. Probleme, die nicht nur dem menschlichen Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit widersprechen, sondern auch biblischen Überzeugungen. Wenn Gott seinen souveränen Plan verfolgt, warum sollte Gebet dann irgendetwas bringen? Wenn er alles in der Hand hält, warum gibt es dann das Böse in der Welt? Wenn bestimmte Menschen ohnehin zum Heil erwählt sind, warum dann Mission? Wenn ich zum Heil erwählt bin, warum sollte ich dann versuchen, heilig zu leben? Zudem ist die Idee der freien Entscheidung für oder gegen den Glauben an Gott hinfällig. Entweder wir können frei wählen – oder Gott bewirkt unsere Entscheidungen.

Letztlich reibt sich der Gedanke einer Vorsehung Gottes mit seiner angeblichen Gerechtigkeit. Wie kann er gerecht sein, wenn er scheinbar wahllos die einen erwählt und andere nicht? Noch deutlicher: Wenn es Gott ist, der die erwählt, die gerettet werden, wie kann er dann Menschen für ihre „Wahl“ gegen ihn verurteilen – oder überhaupt Menschen verloren gehen lassen? Schließlich ist er es, der sie nicht zu sich gezogen hat!

Die andere Seite

Die biblische Sicht der Souveränität Gottes hat allerdings einen gewichtigen Gegenspieler: Die Verantwortung des Menschen. Sie kommt an allen Ecken und Enden der Bibel zum Ausdruck. Der Mensch ist kein von Gott ferngesteuerter Roboter, sondern sein Gegenüber, das freie und verantwortliche Entscheidungen treffen kann.

Das fängt im Paradies an. Gott gibt den Menschen die Möglichkeit, vom Baum der Erkenntnis zu essen, hält sie aber an, es nicht zu tun (1. Mose 2,17). Durch die gesamte Geschichte der Bibel appellieren Propheten, Engel und Gott selbst an die Menschen, seinen Willen ernst zu nehmen und ihm zu gehorchen. Sie können sich frei dagegen entscheiden. Auch das letzte Buch der Bibel belegt diese Freiheit: „Wer will, der nehme vom Wasser des Lebens umsonst“, schreibt Johannes in Offenbarung 22,17. Heißt: Wer sich dafür entscheidet, wird gerettet. Die Wahl liegt bei mir.

Die freie Wahl des Menschen besteht also nicht nur für seine alltäglichen Entscheidungen, sondern auch in Bezug auf das Heil. Ob ich Gottes Rettungsangebot in Jesus Christus annehme oder nicht, liegt auch in meiner Hand. Gott wird niemanden in den Himmel peitschen. Den rettenden Glauben an Jesus Christus gibt es biblisch gesehen nicht ohne einen aktiven, verantwortlichen Teil des Menschen.

Ähnlich bei weiteren Themen. Christen sollen von ihrem Glauben weitererzählen, zur Umkehr aufrufen und zu einer aktiven Entscheidung für ein Leben nach Gottes Maßstäben einladen (Matthäus 28,18ff.). Sie sollen Menschenfischer sein! Die „Fische“ gehen nicht automatisch ins Netz. Zudem werden Christen mitunter dringlich dazu angehalten, ihr Leben nach Gottes Willen zu leben (Hebräer 12,14Epheser 4,1). Alles andere wäre unnatürlich – und bliebe nicht ohne Folgen. Außerdem scheint Gebet den Arm Gottes bewegen zu können. Es macht einen Unterschied, ob ich bete oder nicht (Lukas 11,9-10). Es scheint, als ob eben nicht alles vorherbestimmt ist. Gottes Willen lässt sich gar durch menschliches Flehen erweichen (2. Mose 32,9-14).

Zusammengefasst entfaltet die Bibel eine merkwürdige Spannung von menschlicher Verantwortung und Gottes Vorsehung: Gott hat alles in der Hand und lässt alles geschehen – aber in einer Weise, die unsere Fähigkeit zu freien, verantwortlichen Entscheidungen, die ewige Bedeutung haben und für die wir verantwortlich sind, nicht beeinträchtigt. Wie Gott das tut, bleibt ein Geheimnis. Die Bibel erklärt nicht genau, wie er das tut.

Widerspruch!

Damit stellt uns der christliche Glaube vor einen klassischen Widerspruch, eine Antinomie. Die Bibel lehrt das souveräne Planen und Walten Gottes – und gleichzeitig den freien Willen und die Verantwortlichkeit des Menschen. Wie man es auch dreht und wendet: Keinen der beiden Aspekte kann man völlig ausblenden oder wegerklären. Beides gilt – und doch passen diese Teile überhaupt nicht zusammen.

Natürlich handelt es sich eher um ein theoretisches, philosophisches Problem, das vor allem losgelöst von der Beziehung zu Gott entsteht. Und im Alltag ist Gottes Souveränität oft gar kein Problem, wie das Beispiel vom Gebet um Gottes Eingreifen zeigt.

Trotzdem: Wie kann ich diesen Widerspruch einordnen oder verstehen? Was bedeutet der biblische Befund für meinen Glauben? Und vor allem: Wie kann ich mit diesem Widerspruch in meinem Alltag als Christ umgehen? Da sich auch die biblischen Autoren mit dieser Frage auseinandergesetzt haben, erhalten wir von ihnen wertvolle Ansätze.

Zusammenhalten, was zusammen gehört

Es fällt auf, dass viele Personen der Bibel beide Aspekte sehr austariert zusammenhalten, sei es im Alten oder Neuen Testament. Gott handelt allem Anschein nach seit den ersten Kapiteln der Bibel bis heute unverändert. Das zweite Buch Mose berichtet zum Beispiel davon, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet hat (2. Mose 4,21) – gleichzeitig verhärtet der Pharao sein Herz selbst (2. Mose 8,15).

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament bietet der Brief an die Philipper. Im zweiten Kapitel schreibt Paulus, dass Christen einerseits „mit Furcht und Zittern“ an ihrem Heil arbeiten sollen. Andererseits ist es Gott, der den Willen und das Gelingen dazu überhaupt erst schenkt (Philipper 2,12-13). Es geht nicht ohne Gott, aber auch nicht ohne den Menschen. Wer eine Seite außer Acht lässt, verliert das Gleichgewicht.

Ähnlich miteinander verquickt sind Gottes Handeln und der menschliche Beitrag in 1. Korinther 15,10: „Dass ich trotzdem ein Apostel geworden bin, verdanke ich ausschließlich der Gnade Gottes. […] Keiner von allen anderen Aposteln hat so viel gearbeitet wie ich. Aber wie ich schon sagte: Nicht mir verdanke ich das Erreichte, sondern der Gnade Gottes, die mit mir war.“ Dieser Vers ist außerdem ein gutes Beispiel dafür, dass ein tiefer Glaube an Gottes Vorsehung nicht die eigene Initiative schwächen, sondern befeuern soll!

Nur wenn ich beide Aspekte zusammenhalte, bekomme ich die notwendige, gesunde Spannung. Eine Spannung, die mich weder aus meiner Verantwortung entlässt und in der ich lediglich ein passives Rädchen in Gottes Getriebe bin. Aber auch eine Spannung, die Gott Gott sein lässt und die ihm die Ehre einräumt, die er verdient.

Einseitigkeit meiden

Ohne diese Spannung wird der Glaube einseitig. Wenn ich Gottes Souveränität zu sehr betone, bekommt er gar fatalistische Züge. Gott kommt dann wohl ohne mich aus. Wenn er irgendwelche Menschen retten will, kann er das auch ohne mich tun. Und wenn er mich ohnehin erwählt hat, wird er das auch tun, wenn ich mich nicht um ein heiliges Leben bemühe.

Die menschliche Verantwortung zu stark zu betonen, führt indes auch nicht ans Ziel. Schnell wird Gott dann an den Rand gedrängt, fast unnötig. Der Gedanke liegt zum Beispiel nahe, ich könne aus mir selbst ein heiliges Leben führen und brauche Gott dazu nicht. Ich emanzipiere mich von Gott. Er wird zur Nebensache und ist nicht mehr das Zentrum meines Glaubens.

Anerkennen, dass es wohl nicht nötig ist, das genau zu erklären

Die Autoren der Bibel behandeln diese notwendige Spannung an zahlreichen Stellen der Bibel. Eine Lösung präsentieren sie nicht. Sie gehen geradezu selbstverständlich damit um, sehen sie in der Regel nicht als Problem an. Nirgends wird sie ausführlich entfaltet oder gar erklärt. Das Vertrauen in Gott scheint genug für sie zu sein: Er trifft seine Vorsehung auf gnädige und liebende Art und Weise. Jeder der glaubt, scheint sich seiner Rettung sicher sein zu können. Gerade aufgrund der Erwählung Gottes.

Demnach ist es wohl nicht nötig, genau zu verstehen, wie Gott seinen Willen und die verantwortlichen Taten der Menschen unter einen Hut bekommt. Sicher ist nur: Er tut es. Und zwar auf liebevolle Weise. Menschen können darauf vertrauen, dass es einem allmächtigen Gott möglich ist, eine Welt zu erschaffen, in der wir verantwortliche Entscheidungen treffen, die er aber auch gleichzeitig lenkt.

Anerkennen, wer Gott ist – und wer ich als Mensch bin

Auch hier ist noch einmal die Rückbesinnung auf die Grundlage der Erwählung notwendig: Gottes liebevolle, aber uneingeschränkte Souveränität. Er ist als höchste Persönlichkeit schlicht niemandem Rechenschaft schuldig. Und der Mensch ist nicht in der Position, mit Gott über seine Wahl zu diskutieren.

Gerade diese absolut freie, unabhängige Souveränität diskutiert Paulus im neunten Kapitel seines Römerbriefes in Verbindung mit der Erwählung Israels. Er betont, dass Gott gerecht bleibt, wenn er erwählt, wen er will. Weil er souverän ist: „Was bildest du dir ein? Du bist ein Mensch und willst anfangen, mit Gott zu streiten? Sagt etwa ein Gefäß zu dem, der es geformt hat: »Warum hast du mich so gemacht, wie ich bin?« Hat der Töpfer nicht das Recht, über den Ton zu verfügen […]?“ (Römer 9,20-21; s.a. Jesaja 45,9)

An dieser Stelle argumentiert Paulus ebenso, dass niemand einen Anspruch darauf hat, dass Gott sich ihm zuwendet. Eigentlich wäre es sogar gerecht, Gott würde niemanden retten. Weil niemand es wirklich verdient hat oder es verdienen kann. Gott erwählt nicht, um manche Menschen zu verurteilen, die eigentlich einen Freispruch verdient hätten. Vielmehr erwählt und rettet er Menschen, die eigentlich die Verurteilung verdient hätten! Das ist starker Tobak, aber die richtige, biblische Sicht auf Gottes Erwählung.

Deshalb ist die Erwählung Gottes für Paulus kein Grund, Gott anzuklagen. Vielmehr sollte sie eigentlich zum Lob Gottes führen. Weil er überhaupt gnädig ist. Paulus ist hierfür das beste Beispiel. An vielen Stellen ist Gottes Wahl der Anlass, Gott zu loben (z.B. Epheser 1,3-61. Thessalonicher 1,2-42. Thessalonicher 2,13-14).

Die guten Aspekte der Souveränität Gottes genießen

Damit zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft der biblischen Sicht auf Gottes Erwählung. Sie ist kein Ärgernis, sondern Grund zur Freude. Dass ich glaube, dass ich gerettet bin, dass ich dieser Rettung sicher sein kann, dass es christliche Gemeinschaft gibt – all das ist nur möglich, weil Gott sich in seiner Souveränität dazu entschieden hat. Für Paulus & Co. ist Gottes Prädestination keine Drohung, sondern eine Mut machende Zusage. Gottes Souveränität spricht für den Menschen, nicht gegen ihn.

Das zeigt, wie sehr Gottes Erwählung dem Menschen zugewandt ist. Sie entspringt einem Gott, der seine Geschöpfe liebevoll im Blick hat und sich wie ein Vater um seine Kinder kümmert – keinem unpersönlichen Schicksal. Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr beängstigend, dass er alles mitbestimmt. Jedes Ereignis meines heutigen Tages liegt in Gottes Hand, alles muss sich in seinen guten, liebevollen Plan mit dieser Welt und seinen Menschen einfügen. Oder wie Paulus schreibt: „Eines aber wissen wir: Alles trägt zum Besten derer bei, die Gott lieben; sie sind ja in Übereinstimmung mit seinem Plan berufen.“ (Römer 8,28) Gottes Erwählung ist tröstlicher, seelsorgerlicher Zuspruch.

Gottes Erwählung kann mir zudem in schweren Zeiten versichern, dass mein Glaube Bestand haben wird. Da Gott unwandelbar auserwählt, kann nichts und niemand diesen Beschluss Gottes zu meiner Rettung erschüttern (Römer 9,23-28). Erwählung hat folglich direkt mit meiner Heilsgewissheit zu tun. Das kann mich ungemein entlasten. So hängt meine Rettung nicht an meinem Wollen oder Bemühen, sondern an Gottes Erbarmen (Römer 9,16). Alles liegt an Gottes Zuwendung, nicht daran, dass ich alles richtig mache.

Somit kann ein gesundes Verständnis von Gottes Erwählung auch meine Einstellung zu persönlicher Schuld in einen gesunden Zusammenhang stellen: Da Gott mich erwählt hat, kann ich von mir aus nichts dazu tun, um vor Gott gut dazustehen. Auch nicht, indem ich versuche, perfekt zu sein. Ich brauche es nicht aus mir selbst versuchen, denn Gottes Gnade ist ohnehin frei (Römer 3,24). Wenn ich mich verändere, dann nur mithilfe des Heiligen Geistes.

Freunde Freunde sein lassen

Zum Abschluss eine kleine Anekdote, die über C.H. Spurgeon, einer der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts, erzählt wird. Er wurde einmal gefragt, wie er die Erwählung Gottes und den freien menschlichen Willen für sich in Einklang bringt. Er antwortete: „Das würde ich gar nicht versuchen. Freunde brauche ich nicht in Einklang zu bringen.“

Das ist eine Einstellung zu Gottes Erwählung, die der Heilige Geist schenken kann und die Gottes Vorsehung nicht als Problem ansieht. Es ist Gottes Sicht auf das, was aus menschlicher Sicht wie ein Widerspruch scheint. Dieser göttliche Blickwinkel auf seine Erwählung hat einiges für sich: Er schränkt Gottes Unabhängigkeit nicht ein, ehrt die Verantwortlichkeit des Menschen und sieht Gottes weise und liebevolle Wahl nicht als Feind, sondern als Freund an. Eine gute Wahl.