Schuld und Vergebung

Die Frage nach Schuld und wie sie wieder aus der Welt geschafft werden kann, wird gerne verdrängt. Schade, liegt hier doch eine große Chance, um befreit durchs Leben zu gehen.

Schuld und ihre Folgen

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: Schuld und die Frage, wie sie aus der Welt geschafft werden kann, durchdringt jeden Lebensbereich. Die Frage stellt sich bei jedem platten Fahrradreifen (Wer musste gerade hier, wo ich nicht ausweichen konnte, seine Flasche zerdeppern?), bei jedem neuen Notebook, das nach zwei Wochen den Geist aufgibt (Wer hat schlampig entwickelt und wie bekomme ich Ersatz?) und bei jedem Unfall auf der Straße (Wer hat wem die Vorfahrt genommen oder hatte bei Eisglätte Sommerreifen drauf?)

Schon bei diesen einfachen Beispielen lassen sich einige grundlegende Mechanismen aufzeigen, die immer auftauchen, wenn sich jemand etwas zu schulden kommen lässt. Erstens ist ein Schaden entstanden, ein Ungleichgewicht an Gerechtigkeit. Beim Verkehrsunfall wird z.B. schon ein Blechschaden ganz schön teuer. Dieser Schaden muss ausgeglichen werden. Schuld strebt also zweitens nach einem Ausgleich. Sie muss beglichen werden. Logisch. Wer mein Auto zu Schrott fährt und ich kann nichts dafür, muss dafür aufkommen. Nicht ich.

Drittens ist also jemand verantwortlich für die Schuld. Er oder sie ist schuldig und muss für den Ausgleich sorgen, also z.B. mit dem jährlichen Beitrag die Versicherung bezahlen, die die Kosten für den Blechschaden übernimmt.

Viertens lässt sich gut aufzeigen, wie Schuld Beziehungen vergiftet. Auf denjenigen, der seine Flasche achtlos weggeworfen hat, werde ich als Radfahrer ziemlich sauer sein – auch wenn ich wohl nie erfahren werde, wer es war. Beschafft der Anbieter des Notebooks mir nicht umgehend Ersatz, werde ich zu Recht etwas ungehalten und in Zukunft eher nicht noch einmal etwas kaufen. Und bleibe ich auf den Kosten für den Blechschaden sitzen, weil sich mein Unfallpartner bei einem sehr pfiffigen Rechtsanwalt fragwürdige aber effektive Hilfe geholt hat, werden wir sehr wahrscheinlich keine guten Freunde.

Interessante Fragen

Auch die Bibel sagt einiges zu Schuld und Vergebung. Es geht zum Teil darum, konkrete Dinge zu regeln, ähnlich einem Blechschaden. Die biblischen Autoren gehen aber dem Thema Schuld noch viel umfassender auf den Grund: Welchen Ursprung und welche Auswirkungen hat Schuld? Warum werden Menschen überhaupt aneinander schuldig und warum scheinen wir aus diesem Kreislauf von Schuld nicht herauszukommen? Wie kann ich Schuld loswerden?

Wo Schuld ihren Anfang nahm

Die Bibel bringt Gott und damit eine geistliche Dimension ins Spiel. Der Mensch ist demnach von Gott geschaffen und führte einst eine enge, freundschaftliche Beziehung mit Gott. Diese sollte wie jede vertrauensvolle Beziehung eine freiwillige Basis haben. Der Mensch hatte also die Wahl, mit Gott und nach seinem guten Willen zu leben – aber auch, sich von ihm abzuwenden. Als der Mensch sich über Gottes Willen hinwegsetzte und sich damit gegen Gott entschied, kam es zu einem irreparablen Bruch der Beziehung, ein riesiger Schaden ist entstanden. Durch diese Rebellion nahm die Geschichte von Schuld ihren Lauf. Davon berichtet die Bibel in 1. Mose Kapitel 3. Die Verantwortung für diesen nicht enden wollenden Kreislauf der Schuld trägt der Mensch.

Der Beziehungskiller

Diese Trennung hat auch damit zu tun, dass Gott in der Bibel als heilig bezeichnet wird. Das bedeutet, dass nichts Schlechtes, Böses und keine Schuld bei ihm zu finden ist. Er verkörpert völlige Liebe und Gerechtigkeit. Diese Heiligkeit ist so sehr ausgeprägt, dass nichts in seiner Gegenwart bestehen kann, was auch nur die Spur von Schuld aufweist. Daher ist der Bruch in der Beziehung zu den Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, grundlegend. Kein Mensch kann mehr vor dem heiligen Gott bestehen – was mit dem etwas sperrigen Begriff „Erbsünde“ in die Geschichte eingegangen ist. Es wird deutlich: Auch hier hat Schuld Beziehungen zerstört, wie oben beschrieben.

Verantwortlich vor Gott

Wie schon erwähnt, kann der Mensch aktiv, selbstverantwortlich und frei handeln. Menschen sind also in der Lage, sagenhaft Gutes zu tun – oder unvorstellbar Schreckliches. Oder sich auf allen Nuancen dazwischen zu bewegen. Nach Ansicht der Bibel handelt der Mensch nun nicht im luftleeren Raum. Da der Mensch von Gott geschaffen ist, ist er als Geschöpf dem Schöpfer verantwortlich. Gott ist es also nicht egal, ob ich in einem Geschäft etwas mitgehen lasse oder rechtmäßig bezahle. Er möchte, dass ich seinem Wesen entsprechend handle: In Liebe zu den Mitmenschen, zu mir selbst und der Schöpfung.

Natürlich stellt sich die Frage, was Gottes Wille ist. Was überhaupt gut ist oder eben nicht. Die Bibel beschreibt, wie Gott seinen Willen geäußert hat. Und die Bibel macht nach christlicher Überzeugung klar, was Gottes Wille ist und was nicht. Damit ist auch definiert, was nachahmenswert ist und was nicht, was gut ist und was nicht. Sicher, die Realität lässt sich meist nicht so einfach in gut und böse aufteilen. Dennoch hat Gott seinen grundlegenden Willen klargemacht. Die bekanntesten Passagen hierzu finden sich z.B. in den Zehn Geboten oder in der Bergpredigt.

Eine größere Dimension

Das lässt mein Handeln in einem neuen Licht stehen. Denn lasse ich nun etwas im Geschäft mitgehen, entsteht nicht nur ein Schaden für den Ladeninhaber. Auch wird nicht nur die Beziehung zwischen dem Ladeninhaber und mir gestört, übrigens egal, ob mein Diebstahl entdeckt wird oder nicht. Es kommt eine weitere Dimension hinzu: Durch meinen Diebstahl werde ich auch vor Gott schuldig, weil ich nicht seinem Willen gemäß gehandelt habe. Auch diese Beziehung, zwischen Gott und mir, wird weiter gestört. Unser Handeln hat Konsequenzen.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf, wird übrigens die Bedeutung eines etwas angestaubten Begriffes der Bibel klarer: Sünde. Was sich erst einmal etwas abstrakt und antiquiert anhört ist nichts anderes als das, was in einer Handlung, in einer Einstellung oder Wesensart nicht Gottes Willen entspricht. Das bedeutet: Ich „sündige“, um dieses abstrakte Wort zu gebrauchen, wenn ich z.B. stehle und damit nicht Gottes Willen entspreche. Die Theologie spricht auch von Tatsünden. Ich kann aber auch dann sündigen, wenn ich nichts Falsches tue, sondern eine Einstellung pflege, die nicht Gottes Willen entspricht. Dazu gehört z.B. Neid oder Hass. Wenn ich diese Eigenschaften pflege, werde ich auch vor Gott schuldig. Außerdem, um noch einmal auf den Begriff „Erbsünde“ zurückzukommen, ist jeder Mensch schon in seinem Wesen „sündig“. Denn die Menschheit ist dadurch, dass die ersten Menschen Gott abgelehnt haben, grundsätzlich von Gott getrennt.

Die Frage nach Vergebung

Es bleibt die Frage, wie Schuld wieder aus der Welt geschafft werden kann. Anders gesagt: Wie kann das Ungleichgewicht, das durch Unrecht geschieht, wieder ausgeglichen werden?

Manchmal ist das nicht besonders schwer. Wenn ich mich falsch benommen habe, kann ich mich entschuldigen. Für den Blechschaden am Anfang des Artikels kommt meine Versicherung auf, in die ich einen Beitrag gezahlt habe. Der bürokratische Akt ist zwar lästig, die Sache lässt sich aber relativ leicht aus der Welt schaffen.

Schwerer wird es aber, wenn Gesundheit oder Leben zu Schaden kommt. Natürlich kann ein Gericht Schmerzensgeld oder Gefängnis verhängen. Doch kann Geld ein verlorenes Bein aufwiegen? Bringt die Haftstrafe, die ein Mörder verbüßen muss, den verlorenen Menschen zurück? Und selbst wenn gezahlt und die Gefängnisstrafe abgesessen wird: Ist damit die Schuld aus der Welt geschafft?

Es wird deutlich: Schuld aus der Welt zu schaffen, ist manchmal gar nicht so einfach! Es wird zuerst einmal auch nicht einfacher, wenn man die geistliche Dimension ins Spiel bringt. Wenn es für Gott nicht egal ist, wie ich handle und schuldig vor Gott werden kann – wie bekomme ich diese Schuld wieder los? Wenn ich grundsätzlich vor Gott nicht bestehen kann und grundsätzlich von ihm getrennt werden kann, wie kann die Beziehung zu Gott wiederhergestellt werden?

Jesus und der Plan Gottes

Die gesamte Bibel spannt einen großen Bogen. Die Geschichte beginnt, als die Beziehung mit Gott noch ungetrübt war: Im Paradies. Dann folgt die schon beschriebene grundsätzliche Trennung von Gott und Menschen. Und sie endet mit der grundlegenden Wiederherstellung dieser Beziehung, was auch als Himmel bezeichnet wird. Dazwischen zieht sich Gott aber nicht aus der Affäre. Vielmehr hat er sich schon jetzt grundlegend um das Thema von Schuld und Vergebung gekümmert.

Die Ausgangslage ist dabei gar nicht einfach. Denn Gott wird, wie schon erwähnt, als heilig bezeichnet. Kein Mensch kann mit seiner Schuld vor Gott bestehen. Und niemand kann aus sich selbst heraus die Schuld vor Gott begleichen. Gleichzeitig ist Gott gerecht. Das bedeutet, dass er Schuld nicht einfach unter den Teppich kehren kann. Es muss zu einem Ausgleich kommen, die Schuld muss gesühnt werden. Alles andere wäre ungerecht. Oder wer wollte, dass sich ein Mörder nicht auch vor Gott für seine Tat verantworten muss?

Die Frage ist also, wie es zu einem Ausgleich kommen kann. Die Antwort, wenn auch etwas verkürzt, lautet: Gott hat selbst für einen Ausgleich gesorgt, indem er Jesus in die Welt sandte. Jesus wird in der Bibel „Sohn Gottes“ genannt. Das bedeutet, dass er ein Mensch mit göttlichem Wesen war. Er war also heilig, also völlig ohne Schuld, wie Gott selbst. Jesus stellte sich als schuldloser Ausgleich für allen entstandenen Schaden zur Verfügung – egal, ob es die Schuld im Blick auf Taten, Einstellungen oder die grundsätzliche Trennung von Gott betrifft.

Damit ist die geistliche Dimension, die die Bibel beim Thema Schuld aufzeigt, unglaublich befreiend. Durch den Ausgleich, den Jesus geleistet hat, kann Schuld aus der Welt geschafft werden, die für menschliche Schultern eigentlich zu groß ist. Es ist möglich, Vergebung für die schwerste Schuld zu bekommen. Es ist möglich, dass die zerbrochene Beziehung zwischen Gott und Mensch wiederhergestellt wird.

Die christliche Botschaft der Vergebung bietet einen einmaligen Weg, Schuld loszuwerden. Es ist ein Weg, der das Problem von Schuld grundlegend löst.