Sorge und Vertrauen

Sorgen sind zumindest eine Last, manchmal zerfressen sie das ganze Leben. Dabei gibt es gute Gründe, mit großem Vertrauen durchs Leben zu gehen.

65 Prozent aller Deutschen machen sich Sorgen aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland.1 Nur 46 Prozent allerdings haben Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit. Irgendwie, so scheint es, glauben und hoffen viele, dass dieser Kelch an ihnen vorüber geht. Trotz aller Ängste scheint der Mensch eine gesunde Portion Hoffnung oder Vertrauen in sich zu tragen. Aber worauf gründet diese Hoffnung? Was macht den Menschen mitunter zu einem vertrauensvollen Wesen, selbst dann, wenn es anscheinend keinen Grund zur Hoffnung gibt?

Die Tatsache, dass Kinder ein schier unerschütterliches Vertrauen zu ihren Eltern oder Erziehungspersonen haben, hat zahlreiche Soziologen und Psychologen fasziniert und etliche Erklärungsmodelle hervorgebracht. Der Freudschüler Erik H. Erikson führte 1950 das Konzept des basic trust in die Entwicklungspsychologie ein, was im Deutschen schließlich mit „Urvertrauen“ übersetzt wurde.

Das kindliche Vertrauen ist jedoch keine Entdeckung der Neuzeit. Bereits Jesus betont in seinen Reden, welchen hohen Stellenwert das kindliche Vertrauen im Hinblick auf das Leben mit Gott hat. „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15). Er lädt die Menschen ein, Gott als Vater zu entdecken und sich auf eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm einzulassen.

Vertrauen, weil Go​tt unser Vater ist

Diese Vorstellung von Gott als Vater ist für Jesus mehr als nur ein schöner Gedanke. Sie hat Auswirkungen bis in die kleinsten Details des Alltags hinein. Jesus fordert seine Zuhörer auf, Gott als Vater selbst um so alltägliche Dinge wie Brot zu bitten. Dinge, die alltäglich, aber​ zum Leben notwendig sind. Jesus sagt das nicht als frommer Spinner. Er weiß, dass das Leben eines der härtesten ist. Die Sorge um den Lebensunterhalt, das „tägliche Brot“ ist ihm nicht fremd. Sie schlägt sich in der vierten Bitte des Vaterunser nieder: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Jesus fordert seine Zuhörer zu einem radikalen Gottvertrauen heraus: Vertrauen inmitten aller Sorgen des Alltags. Dabei zeichnet er ein Bild von Gott als Vater und Schöpfer, der seine Schöpfung in der Hand hält – vom kleinsten Lebewesen bis hin zum Menschen.

Und zu diesem Menschen hat er ein ganz besonderes Verhältnis. Er ist wertvoll für ihn, er liebt ihn: „Darum sage ich euch: Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen oder zu trinken habt, und um euren Leib, ob ihr etwas anzuziehen habt! Das Leben ist mehr als Essen und Trinken, und der Leib ist mehr als die Kleidung! Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte – aber euer Vater im Himmel sorgt für sie. Und ihr seid ihm doch viel mehr wert als Vögel!“ (Matthäus 6,25f)

Jesus selbst lebt aus dieser Beziehung zu seinem Vater heraus. Sie gibt ihm Kraft, ist Dreh- und Angelpunkt seines gesamten Dienstes auf der Erde. Immer wieder zieht er sich zurück, um Zeit mit seinem Vater zu verbringen. Ihn zu hören, seinen Willen zu tun wird ihm zum Lebenselixier. Und für diese Beziehung zum Vater wirbt er wieder und wieder. Die gesamte Mission Jesu kann man als Weg bezeichnen, den Menschen in die vertrauensvolle Beziehung zum Vater mit hineinzunehmen. Die Tatsache, dass das Vaterunser mit der kindlichen, vertrauensvollen Anrede – „Abba“ – beginnt, zeigt, wie sehr die Vaterliebe Gottes Jesu Denken und Wirken bestimmt. Sein Gleichnis vom verlorenen Sohn ist ein einziges Plädoyer dafür, sich vertrauensvoll in die Arme eines liebenden Gottes zu werfen.

Gelassenheit, weil der Mensch nicht seines ​Glückes Schmied ist

„Die Sorge ist in der Bibel aber nicht nur Ausdruck existentieller Angst und Bedrängnis. Sie kann auch zum Symptom und Zeichen für eine unheilvolle Selbstfixierung des Menschen werden. Der Mensch, der meint, Garant und Quelle seines Glücks zu sein, überschätzt sich maßlos“, schreibt Dr. Klaus Peter Voß.2 Gerade in einer Zeit, in der es unendlich viele Optionen und Lebensentwürfe gibt, steigt der Stress, immer die optimale Richtung einzuschlagen, immer das Maximum herauszuholen. Risse passen da nicht in die Biografie und müssen schnell gekittet werden. Schnell steigt die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Voller Sorge blickt man auf den nächsten Lebensabschnitt.

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Bibel, König Salomo, war ein Mann, der es nach allen erdenklichen Maßstäben geschafft hat. Reichtümer ohne Ende, Menschen, die an seinen Lippen hangen, um etwas von seiner Weisheit, seinem Weitblick abzubekommen. Und trotzdem bekennt dieser nach weltlichen Maßstäben durch und durch erfolgreiche Herrscher: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, dann ist alle Mühe der Bauleute umsonst. Wenn der Herr nicht die Stadt bewacht, dann wachen die Wächter vergeblich.“ (Psalm 127,1)

Selbst jemand, der durch eigenes Planen und Sorgen viel erreicht hat, gesteht: Ich kann es nicht aus eigener Kraft schaffen. Natürlich lässt sich so ein Gedanke auch missverstehen, nach dem Motto: Der liebe Gott wird’s schon richten. Aber das ist hier nicht gemeint. Immerhin muss der Bauherr schon das Haus bauen und sich Mühe geben. Legt er die Hände in den Schoss, gibt es nichts, was Gott segnen kann. Die Aufforderung, nicht zu sorgen, bedeutet nicht, dass es keine Situationen gibt, in der man Vorsorge treffen sollte. Nein, es geht hier nicht um theologisch legitimierte Faulheit oder Bequemlichkeit. Es geht vielmehr um die Erkenntnis, dass der Mensch nicht alles in seiner Hand hat – und nichts zu haben braucht. Es geht um eine Gelassenheit, die frei macht. Dass Leben gelingt, ist immer auch ein Geschenk Gottes. Und auch wenn es Brüche und Schwierigkeiten gibt, Gott ist mittendrin. Dann kann selbst Leiden zum Segen werden.

Und praktisch?

Theoretisch hört es sich so schön an: Gott ist unser Vater, wir können ihm unsere Sorgen geben. Wir dürfen gelassen sein, müssen nicht alles aus eigener Kraft schaffen. Aber wie geht das praktisch? Was kann man tun, wenn einen die Sorgen nachts nicht mehr schlafen lassen und man jeden Morgen überlegt, woher man die Kraft für den neuen Tag nehmen soll?

Verbündete suc​hen

Niemand muss seinen Weg mit Gott alleine gehen. Auch Jesus hat Jünger um sich gesammelt, die ihn auf seiner Mission begleitet haben. Sie haben mit ihm gelebt, gelacht und gelitten. Und er hat sich entschieden, seine Mission, Gottes Reich durch die Gemeinde – also die Gemeinschaft seiner Nachfolger – weiterführen zu lassen. Christliche Gemeinde bedeutet nicht nur, am Sonntag zusammen schöne Lieder zu singen und einer Predigt zuzuhören. Die Gemeinde ist der Ort, wo Leben und Lasten geteilt werden. Der Apostel Paulus, von dem die meisten Texte des Neuen Testaments stammen, schreibt in seinem Brief an die Galater: „Ein jeder trage des anderen Last, dann werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6,2)

Die große Geschichte sehen

Wir sind nicht nur hier und jetzt nicht allein, wenn wir an Christus glauben. Wir sind auch Teil einer Geschichte, die lange vor uns begonnen hat. Menschen lernen nicht nur aus den Fehlern der Vergangenheit, sie können auch von den guten Erfahrungen anderer lernen. Die Kämpfe, die ich durchmache, meinen Zweifel, meine Wut – haben andere vielleicht schon vor mir erlebt. Ein biblisches Beispiel dafür sind die Psalmen, die einen Innenblick in die menschliche Seele erlauben. Wer die Psalmen liest, leidet, hofft und schreit mit David zu Gott. Wenn ich lese, wie andere um das Vertrauen zu Gott ringen, kann mich das trösten. Wenn ich in Biographien anderer Christen lese, wie sie nach dem dunklen Tal oder mitten in ihrem Leid, Gott begegnet sind, kann mich das ermutigen, weiter am Vertrauen festzuhalten.

Vertrauen ents​teht in vertrauensvollen Beziehungen

Manchmal reicht es nicht aus, Verbü​ndete zu suchen, denen es ähnlich geht. Manchmal brauchen wir jemanden, der uns ganz praktisch und ganz aktiv hilft, eine Vogelperspektive auf die eigene Situation einzunehmen. Vielleicht sehen wir die Spuren Gottes nicht in unserem Leben und das Vertrauen fällt deshalb schwer. Ein Mentor, Coach oder Seelsorger kann helfen, den Blick über und durch das Problem hindurch zu lenken.

Rückblick halten

In der jüdischen Tradition ist das Erinnern an die guten Taten Gottes von Anfang an in die Geschichte Jahwes mit seinem Volk integriert. Wer Gutes ver​gisst, sieht in der Gegenwart auf Dauer nur noch das Schlechte. Hier kann ein kleines Danktagebuch helfen, das einem in schwierigen Zeiten zeigt: Gott war so oft da, hat so oft geholfen, warum sollte er es jetzt in dieser Situation nicht mehr tun?

Soundtrack ​meines Lebens

„Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Das gilt auch für unseren Umgang mit Sorgen, die das Herz zerfressen. Es gibt Situationen, da kreisen die Gedanken so sehr um die Probleme, dass der Blick verstellt ist. Verstellt für alles Hel​le und Gute, was das Leben und Gott einem bietet. Da können Lieder oder einzelne Bibelverse eine große Hilfe sein. Bibelverse, die von Gottes Güte und seiner Liebe sprechen. Nicht, weil ihnen etwas Magisches anhaftet, nein! Sondern weil sie helfen, den Blick über sich und die eigenen Probleme auf Größeres zu richten. Auf den, der alles Leben erschaffen hat und es in seinen Händen hält.

Beten, schrei​en, klagen

Gott hält unsere Zweifel aus. Wir dürfen ihm entgegen schreien, was uns umtreibt und warum uns das Vertrauen schwerfällt. „Schüttet euer Herz vor ihm aus“, fordert der Schreiber von Psalm 62 auf. Und wir dürfen mit dem verzweifelten Vater des kranken Jungen aus Markus 9 sagen: "Ich vertraue dir ja - hilf mir doch gegen meinen Zweifel!"

 

1 GfK-Studie „Die Ängste der Deutschen 2009“.

2 in Christsein heute (1/2004)