Gemeinde, wozu?

Zugeknöpft, eigenbrötlerisch, langweilig: Christliche Gemeinden haben nicht immer den besten Ruf. Stellt sich die Frage: Was hatte Gott eigentlich mit Gemeinde vor?

Schätzungsweise jeder dritte Mensch gehört zu einer christlichen Kirche. Damit sind die Anhänger des christlichen Glaubens die weltweit größte religiöse Gruppe. Diese präsentiert sich allerdings alles andere als einheitlich. Neben den großen Konfessionen (katholisch, evangelisch, orthodox) gibt es eine unüberschaubare Vielfalt von Glaubensrichtungen und Gemeinden.

Das wirft Fragen auf. Was ist Gemeinde überhaupt? Was sind ihre Merkmale? Was ist ihr Auftrag? Und wie ist sie aufgebaut?

Was ist Gemeinde?

Die Autoren des Neuen Testamentes gebrauchen den Begriff „Gemeinde“ (gr. ekklesia) recht häufig. Sie beschreiben damit in erster Linie eine Gemeinschaft von Menschen, die an Jesus glauben. Daher hat Gemeinde ihren Ursprung in Jesus selbst.

Der Begriff umfasst aber mehrere Nuancen. Zum einen ist die Versammlung von Christen vor Ort gemeint, bis hin zur kleinen Hausgemeinde (Römer 16,5). Andererseits werden die Gemeinden einer ganzen Gegend als Gemeinde Jesu beschrieben (Apostelgeschichte 9,31). Und selbst die Gemeinschaft aller Christen weltweit und zu allen Zeiten versteht das Neue Testament als Gemeinde (Epheser 5,251. Korinther 12,28).

Jede Gemeinschaft also, die sich im gemeinsamen Glauben an Jesus Christus trifft, ist einerseits Gemeinde Jesu – von der Gemeinde vor Ort bis zur universalen Gemeinde. Zur Gemeinde gehört andererseits nur der, der den rettenden Glauben an Jesus für sich in Anspruch nimmt, also an Jesus glaubt (Epheser 5,25). Gemeinde ist der „Leib“ Jesu. Es ist auch Jesus selbst, der seine Gemeinde baut (Matthäus 16,18). Das alles macht deutlich: Gemeinde im christlichen Sinn kann also nur die Gemeinde Jesu sein. Mit Jesus als Existenzgrund und mit ihm im Zentrum.

Vergleiche für Gemeinde

Um besser zu verstehen, was christliche Gemeinde ausmacht, gebrauchen die Autoren des Neuen Testamentes eine Reihe von Vergleichen. Zum Beispiel den der Familie. Gemeinde als Familie bedeutet, dass sich die Gemeindemitglieder untereinander so liebevoll verhalten, wie es in einer Familie im Normalfall üblich ist (1. Timotheus 5,1-2). Gott selbst ist der Vater aller Christen, die Menschen in der Gemeinde sind seine Töchter und Söhne (2. Korinther 6,18). Gemeinde ist Gottes Familie.

Eine weitere wichtige Metapher für die Gemeinde ist der Körper, der aus vielen wichtigen Organen besteht. Jedes Organ erfüllt eine bedeutende Aufgabe für den Körper und ist letztlich unersetzlich (1. Korinther 12,16-17). Jeder Christ kann mitmachen, sich einbringen und einen Beitrag leisten, den sonst keiner bieten kann. In einem ähnlichen Vergleich beschreibt Paulus, dass Jesus das Haupt des „Gemeinde-Körpers“ ist (Epheser 4,15-16). Jedes Gemeindeglied soll dem Haupt, Jesus, immer ähnlicher werden. Durch den Beitrag jedes Gläubigen wird der Leib gestärkt und aufgebaut durch Liebe.

Andere Vergleiche sind das Haus bzw. der Tempel (1. Korinther 3,9Hebräer 3,61. Petrus 2,5). Die Gemeinde gleicht einem Gebäude, das aus den Menschen in der Gemeinde aufgebaut wird. Die Gemeindeglieder bauen sich gegenseitig auf. Der Stein, der alles zusammenhält, ist Jesus selbst.

Eins machen diese Vergleiche sehr deutlich: Gemeinde im neutestamentlichen Sinn ist keine reine Organisation, sondern ein lebendiger, von Gott zusammengefügter Organismus aus Christen, die vom Heiligen Geist geleitet werden.

Gemeinde – wozu?

Wer denkt, christliche Gemeinde sei nur dazu da, einige Seelen in den Himmel zu bekommen, irrt. Dieser lebendige Organismus ist für mehr geschaffen, als sich nur darum zu kümmern, was nach dem Tod kommt – auch wenn das eine wichtige Frage ist. Keine Gemeinde darf jedoch so sehr auf den Himmel oder geistliche Dinge fixiert sein, dass sie für die Welt nicht mehr zu gebrauchen ist. Und wer das Evangelium auf die Eintrittskarte in den Himmel verengt, beraubt es seiner lebensverändernden Kraft.

Es geht auch nicht darum, das Leben einiger Menschen ein bisschen angenehmer zu machen. Es geht für Gemeinde vielmehr darum, dabei zu sein, Gottes gute Herrschaft in dieser Welt aufzurichten. Die ist keine Schreckensherrschaft, beinhaltet aber nicht weniger als eine Revolution. Eine Revolution der Liebe, des Dienens und der Gerechtigkeit. Mit diesem Fokus auf ein liebendes, dienendes und gerechtes Handeln hat die Gemeinde das Potential, die Systeme dieser Welt auf den Kopf zu stellen.

Gemeinde ist also nicht nur dazu da, ein wenig nett untereinander zu sein. Es geht auch nicht nur um die Veränderung des Einzelnen. Es geht um nichts weniger, als das Reich Gottes zu bauen. Gott nimmt jeden Christen in diesen großen Plan mit hinein. Hier ist jeder gefragt. Jeder Christ kann mitmachen. Christen sind dazu aufgerufen, die Welt zum Positiven zu verändern, Jesus immer ähnlicher zu werden und anderen im Namen Jesu zu helfen. So werden sie zum Segen für andere. Das ist eine überzeugende, frohe Botschaft. Evangelium eben.

Dieses ganze Potential hat Gott in der Gemeinde angelegt. Wenn sich Menschen von Gott gebrauchen lassen, ist sie der Weg, auf dem diese Veränderungen möglich sind. Eine Gemeinschaft von hingegebenen Christen hat also enormes Potential – was deutlich macht, wie wichtig „Gemeinde“ ist. Gott hat sich keinen Plan B ausgedacht. Nur durch die Gemeinde kann sich dieses Potential voll entfalten.

Aufgaben der Gemeinde

Eine Aufgabe der Gemeinde finden wir schon im Alten Testament. Das Volk Israel gilt schon dort als Gemeinschaft, die sich versammeln sollte (z. B. 5. Mose 4,10), um Gott zu ehren (Psalm 22,22). Paulus ruft die Kolosser auch dazu auf, Gott mit Liedern etc. die Ehre zu geben. Das ganze Leben eines Christen soll Gott verherrlichen (Epheser 1,12). Dieser Lobpreis ist also nicht nur die Vorbereitung für etwas noch Geistlicheres. Er ist eine der Hauptgründe, warum es Gemeinde überhaupt gibt.

Eine weitere Aufgabe der Gemeinde ist es, die Gläubigen geistlich zu ernähren. Menschen sollen in der Gemeinde dazu ermutigt werden, in ihrem Glauben zu wachsen. Die Gemeinde hat für ein gesundes Umfeld zu sorgen, in dem dieses Wachstum möglich ist. Paulus ruft die Gemeinde in Kolossä auf, dass jedes Gemeindeglied im Glauben erwachsen wird (Kolosser 1,28). An anderer Stelle schreibt er, dass die Gläubigen zugerüstet werden sollen und sie zu einem reifen Glauben finden (Epheser 4,12-13). Dazu gehört es, sich gegenseitig zu ermutigen, aber auch zu ermahnen, wenn nötig. Auch das gegenseitige Anteilnehmen bis hin zur Seelsorge kann dazu beitragen. Der Ort, wo das alles möglich sein sollte, ist die Gemeinschaft in der Gemeinde.

Als dritten Fokus der Gemeinde hat die Bibel die jeweilige Gesellschaft im Blick. Jesus ruft jede Gemeinde dazu auf, andere Menschen den Glauben an ihn nahezubringen (Matthäus 28,19). Diese Verkündigung des Glaubens geht aber immer Hand in Hand mit dem sozialen, dienenden Engagement für andere. Dazu gehören die Unterstützung von Menschen, die arm, krank oder benachteiligt sind (z. B. Lukas 6,35-36) oder in welcher Form auch immer leiden.

Keiner dieser drei Bereiche ist wichtiger als der andere. Eine Gemeinde muss diese drei Aufgaben im Gleichgewicht halten, will sie Gemeinde Jesu sein.

Darüber hinaus haben einige bestimmte Handlungen, die die Gnade Gottes besonders deutlich machen, in der Gemeinde ihren Platz. Es geht also um erfahrbare Mittel, durch die Gott Glauben und seine Gnade besonders deutlich macht. Einige davon, z. B. die Taufe und das Abendmahl werden auch Sakramente genannt. Über die Anzahl dieser Handlungen gibt es unterschiedliche Ansichten. Einige sind der Meinung, dass nur die durch Jesus direkt eingesetzten Sakramente (Taufe und Abendmahl) dazu gehören sollten. Die katholische Kirche hingegen kennt z. B. sieben Sakramente, die nur durch Priester vermittelt werden können.

Wie viele dieser Mittel auch immer anerkannt werden: Sie sollten den Mitgliedern in einer Gemeinde dienen und die Gnade Gottes deutlich machen. Dazu kann auch die Predigt bzw. das Erklären der Bibel gehören, da Menschen dadurch überhaupt einen Zugang zu Gott bekommen. Dazu kann das gemeinsame Gebet gehören, gerade auch die gegenseitige Fürbitte. Oder auch die geistlichen Gaben, durch die Gottes Gnade besonders deutlich wird oder der Gottesdienst, in dem diese Gaben zur Anwendung kommen – und darüber hinaus.

Gemeindeorganisation

Wie schon gesagt, ist Gemeinde im neutestamentlichen Sinne keine reine Organisation, sondern ein lebendiger Organismus. Dennoch besitzt jede Gemeinde auch immer eine Struktur von Aufgabenbereichen. Die ist in den verschiedenen Konfessionen ganz unterschiedlich gelöst. Einige Gemeinden haben keine gemeindeübergreifende Leitung, die katholische Kirche hingegen besteht aus einem weltweiten Netz von Kirchenleitung unter der Autorität des Papstes. Gibt es hier im Blick auf das Neue Testament ein Richtig oder Falsch?

Schon im neuen Testament gab es Menschen, die eine besondere Aufgabe in der Gemeinde ausübten. Man könnte auch sagen, sie übten ein Amt aus, wenn man ein Amt als das Wahrnehmen von Verantwortung, die einem öffentlich zum Nutzen der ganzen Gemeinde übertragen wurde, definiert. Eine Gemeinde ist also nicht umso geistlicher, je weniger organisiert sie ist. Gerade eine geistliche, jesus-zentrierte Gemeindeleitung scheint im Sinne Gottes zu sein.

Dazu gehört zuerst das Amt der Apostels, zu denen in erster Linie die zwölf Jünger Jesu zählen, zusammen mit Matthias, nachdem Judas gestorben war (Apostelgeschichte 1,26). Ein Apostel in diesem Sinne musste Jesus nach seiner Auferstehung gesehen haben und von Jesus als Apostel eingesetzt worden sein (Apostelgeschichte 1,22Apostelgeschichte 1,2). Darüber hinaus werden aber auch Paulus, Barnabas oder Jakobus und andere im Neuen Testament Apostel genannt. Eine der Aufgaben der Apostel war die Verkündigung der Frohen Botschaft, dass Jesus auferstanden ist. Die ersten Apostel waren außerdem Maßstab für die Lehre und das Leben in den ersten Gemeinden. Ganz so eng scheint der Begriff des Apostels, der auch einfach „Bote“ bedeuten kann, nicht zu sein. In einem weiteren Sinn werden heute noch Menschen als Apostel bezeichnet, die herausragende Missionare einer ganzen Volksgruppe waren oder besonders effektive Gemeindegründungspioniere waren.

Eine weitere Gruppe sind die Ältesten einer Gemeinde. Sie haben im Neuen Testament verschiedene Namen: Älteste, Bischöfe, Hirten. Sie finden sich fast immer im Plural, was nahelegt, dass die Leitung einer Gemeinde in einem Team von Ältesten erfolgt (z. B. Apostelgeschichte 14,23). Keine Passage beschreibt nur einen Ältesten. Ihre Aufgabe ist es, über die Gemeinde zu walten, zu lehren, Anweisungen zu geben und zur Not zu ermahnen. Um Ältester zu werden, muss ein Christ einige Voraussetzungen mitbringen, die Paulus z. B. in 1. Timotheus 3,2-7 beschreibt.

Darüber hinaus gibt es die Gruppe der Diakone, was erst einmal nichts weiter heißt als „Diener“. Ihre Aufgabe ist nicht genau umrissen. In 1. Timotheus 3,8-13 werden Voraussetzungen für diesen Dient beschrieben, die dennoch einige Rückschlüsse zulassen. Diakone scheinen eher für verwaltende und organisatorische Aufgaben eingesetzt zu sein, wie z. B. die Aufsicht über Finanzen und die Fürsorge von Bedürftigen in der Gemeinde (Apostelgeschichte 6,1-6). Im Neuen Testament wird nirgends beschrieben, dass sie eine Leitungsaufgabe wie die Ältesten inne haben.

Kein Himmel auf Erden

Obwohl christliche Gemeinden einen überaus positiven Auftrag haben und obwohl Liebe, Dienen aneinander und Gerechtigkeit jede Gemeinde prägen sollten, spiegelt keine Gemeinde den Himmel auf Erden wider. Jede Gemeinde besteht aus Menschen mit Fehlern und Schwächen. Deshalb sind auch Beziehungen innerhalb von Gemeinden weder perfekt noch angstfrei. Andere Gemeindemitglieder können anstrengend sein, es kann Missverständnisse und Verletzungen geben.

Trotzdem lebt Gemeinde gerade von und in diesen unvollkommenen Beziehungen. Gerade wenn Vergebung und ein immer wieder neuer Anfang möglich ist und gerade wenn Menschen ihre Schwachheit eingestehen und Masken ablegen. Gerade dann kann es zu einer beispiellosen Einheit kommen, wie sie Jesus für die Gemeinde gewünscht hat (Johannes 17,11Johannes 17,21-23).