Gebet im Fokus

Notnagel, Ritual, Lebenssinn: Reden mit Gott kann man unterschiedlich sehen. Zeit für ein Plädoyer, mit Gott Kontakt aufzunehmen.

Die Shell Jugendstudie 2010 zeigt, dass das Thema Gebet unter Jugendlichen aktuell kein großes Thema ist. Die Studie wurde unter 12-25-Jährigen durchgeführt, die gläubig sind oder dem Glauben nicht ablehnend gegenüberstehen. 30 Prozent von ihnen gaben an, niemals zu beten. 18 Prozent beten ein- oder mehrmals pro Monat. Ein- oder mehrmals pro Tag beten lediglich neun Prozent.1

Insgesamt scheinen die Deutschen vor allem in schwierigen Situationen zu beten. Wenn es drauf ankommt, sprechen zumindest 48,7 Prozent der Frauen und 31,5 Prozent der Männer ein kurzes Stoßgebet. Das besagt zumindest eine Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg von 2006.2

Ist das Gebet als Notnagel der eigentliche Sinn und Zweck für das Reden mit Gott? Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, ist anderer Meinung und erklärte 2009: „Das Gebet als persönliche Zwiesprache zwischen Gott und Mensch, da, wo Gott zum Du für den Menschen wird, ist unverzichtbar.“3

Welche Ansicht über das Gebet trifft die Wirklichkeit am besten? Zu wem sollte ich überhaupt beten? Wie und wann? Dieser Beitrag gibt erste Antworten aus biblischer Perspektive.

Warum beten

Die biblischen Autoren machen deutlich, dass Gott allwissend ist – was die Frage aufwirft, warum man überhaupt zu Gott beten sollte. Schließlich weiß er alles, was sollte man ihm erzählen? Hier wird deutlich, dass Gebet nicht allein dazu da ist, Gott über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu informieren. Gott weiß darüber schon Bescheid (Matthäus 6,8). In erster Linie möchte Gott, dass wir im Gebet die Beziehung zu ihm pflegen und ihm unser Vertrauen entgegenbringen. Gott, der uns Menschen gemacht hat, freut sich, wenn wir uns an ihn wenden.

Und auch wenn Gott alles weiß, bewegt Gebet Gott zum Handeln. Wer betet, wird erleben, wie Gott handelt. Jesus selbst macht einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bitten und Empfangen durch das Gebet deutlich (Lukas 11,9-10). Und die Bibel ist voll von Beispielen, wie Gott auf Gebet reagiert. Dass er auf viele Gebete scheinbar nicht antwortet, ist ein Thema, das im Artikel "Wenn Gott schweigt" gesondert behandelt wird.

Beten – zu wem?

Manchen erscheint es selbstverständlich, ihr Gebet an Gott zu richten. Andere wollen auch mit Engeln, Geistern, Toten und Heiligen Kontakt aufnehmen. Die Bibel spricht sich eindeutig für die erste Variante aus. Der Kontakt zu Toten wird sogar verboten. Die mit dem Gebet zusammenhängende Erwartungshaltung und Verehrung sollte allein Gott zukommen.

Damit ist die Frage noch nicht beantwortet. Denn möchte man als Christ zu Gott beten, stellt sich die Frage: Zu wem genau? Zur Auswahl bleiben Vater, Jesus und der Heilige Geist. Sollte man zu allen dreien auf einmal beten oder einfach nur „im Namen Jesu“?

Das Gebet zu Gott dem Vater nimmt in der Bibel den größten Stellenwert ein, sei es im Alten oder im Neuen Testament. Auch Jesus fordert uns auf, zum Vater zu beten (Matthäus 6,9). Die ersten Christen wiederum scheinen aber auch zu Jesus gebetet zu haben. Sie waren dafür bekannt, den Namen Jesu anzurufen (z. B. Apostelgeschichte 9,211. Korinther 1,22. Timotheus 2,22). Auch der erste Märtyrer der Christen, Stephanus, richtet sein Gebet an Jesus (Apostelgeschichte 7,59-60).

Obwohl keine Gebete zum Heiligen Geist im Neuen Testament aufgezeichnet sind, scheint nichts dagegen zu sprechen. Denn der Heilige Geist ist wie der Vater und der Sohn ganz Gott. Wer behauptet, man könnte nicht zum Heiligen Geist sprechen, behauptet letztlich, dass man keinen Kontakt und keine Beziehung mit ihm führen kann. Es scheint nicht falsch zu sein, sich auch an den Heiligen Geist zu wenden – gerade wenn es um die Gebiete geht, in denen er sich gut auskennt. So kann man durch die Wahl des Ansprechpartners im Gebet den einen oder anderen Aspekt der Beziehung zu Gott betonen, z. B. Kindschaft (Vater), Erlösung (Jesus), Nachfolge (Heiliger Geist) etc. Letztlich beten Christen im Heiligen Geist. Durch ihn besteht die Verbindung zu Jesus und zum Vater.

Im Namen Jesu zu beten hat wiederum eine besondere Bedeutung. Die Grundlage dafür ist Johannes 14,14: „Worum ihr in meinem Namen bitten werdet, das werde ich tun, damit durch den Sohn die Herrlichkeit des Vaters sichtbar wird. Was ihr also in meinem Namen erbitten werdet, das werde ich tun.“ Diese Wendung bedeutet aber viel mehr, als die Worte „in Jesu Namen“ an jedes Gebet anzuhängen. Es meint eine Herzenshaltung, die auf Jesus selbst ausgerichtet ist. Das Gebet soll im Sinne Jesu geschehen und in seiner Vollmacht (Johannes 15,7).

Gebet näher beleuchtet

Konkrete Tipps zum Inhalt eines Gebets gibt Jesus mit dem „Vaterunser“. Das Vaterunser zeigt, wie die Beziehung zwischen Mensch und Gott aussehen kann, welche Inhalte und welche Haltung für das Gebet zu Gott wichtig sind. Der Text lautet wie folgt:

„Vater unser im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“
(Matthäus 6,9-13)

Gemeinschaft

Die Anrede in diesem Gebet drückt ein tiefes Vertrauen und eine tiefe Beziehung zu Gott aus. Das ist es, was Gott möchte. Wer Gott als Vater anspricht und sich selbst als sein Kind sieht, weiß, wie sicher und geborgen er bei Gott ist und dass er sich um alles kümmert. Es drückt aus, dass man von Gott Hilfe, Liebe und Fürsorge erwartet. Wer hingegen Gott nichts zutraut, kann auch nicht viel von ihm erwarten (Jakobus 1,6-8).

Die Anrede „Unser Vater“ drückt darüber hinaus das Bewusstsein aus, dass man durch Gott mit anderen Christen verbunden ist. Sie sind so etwas wie Geschwister im Glauben. Auf diese Weise wird schon am Anfang des Gebets ausgedrückt, in welcher Einheit Christen in Gott leben sollten. Diese Verbundenheit ist ein zentraler Aspekt der Beziehung mit Gott.

Innere Ausrichtung im Gebet

Die Bitte, die der Anrede folgt, drückt auch eine innere Haltung aus: Gottes Name soll geehrt werden. Der Beter drückt damit die gebührende Ehrerbietung gegenüber Gott aus. Auch an anderer Stelle betonen die Autoren der Bibel, dass wir geschaffen sind, um Gottes Größe und Herrlichkeit sichtbar zu machen (Epheser 1,12). Hier und jetzt, auf dieser Welt. Die nächste Bitte des Vaterunser schließt sich somit organisch an: Gott soll über diese Welt regieren, Frieden bringen und seine Gerechtigkeit aufrichten. Sein Reich soll kommen. Sein Wille soll auf dieser Erde geschehen. Das schließt mit ein, dass man selbst auch tut, was Gott gefällt und auch anderen hilft, sich auf Gott auszurichten.

Beschenkt

Die Bitte um das „tägliche Brot“ schließt all das ein, was man für das tägliche Leben braucht. Dazu gehört auch Kraft für den Tag und dafür, Gottes Willen zu tun. Auch die Geduld, Ungerechtigkeit und Leid auf dieser Welt auszuhalten. Die Bitte bezieht auch alle Sorgen, Fragen und Probleme ein, die einen persönlich betreffen. Gott hört zu, das macht schon die Anrede zu Gott als Vater deutlich. Wir Menschen sind ihm unglaublich wertvoll. Als Vater ist er daran interessiert, was seine Kinder bewegt. Kein Anliegen ist ihm zu klein oder zu unbedeutend.

Frieden im Herzen

An die Bitte um das tägliche Brot schließt sich die Bitte um Gottes Vergebung für Dinge an, die falsch gelaufen sind. Neben Schuld macht dem Menschen auch Bitterkeit, Hass und Unversöhntheit zu schaffen. Um das aus dem Weg zu räumen, möchte Gott jedem seine Kraft und Liebe schenken. Zu der gerechten Welt Gottes auf Erden gehört außerdem die eigene Bereitschaft, anderen Menschen zu vergeben: „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Gott wird sich selbst darum kümmern, dass Gott jedem Menschen Gerechtigkeit verschafft. Man muss nicht selbst für Gerechtigkeit durch Rache sorgen – was letztlich eine sehr befreiende Perspektive ist.

Hoffnung für die Zukunft

Das Vaterunser richtet den Blick auf die Zukunft. Nicht in Versuchung zu geraten ist die Bitte an Gott, er möge niemanden in Situationen führen, in denen man nicht standhalten kann. Gott soll äußerlich oder innerlich keine zu schweren Lasten auflegen, die der Mensch nicht tragen kann. Gott soll Menschen stattdessen so führen, dass sie ihm treu sein können. Diese letzte Bitte des Vaterunser drückt außerdem die Zuversicht aus, dass Gott eines Tages alles Böse wegnehmen wird. Somit schließt sie an die Bitte um das Kommen von Gottes Reich vom Anfang an. Das Gebet endet mit einem bekräftigenden „Amen“. Es bedeutet soviel wie: „So sei es“, was den Glauben und die Zustimmung des Beters ausdrückt, dass Gott für die Erfüllung des Gebets sorgen wird.

Mach's unkompliziert

Obwohl Jesus im Vaterunser eine gute innere Ausrichtung und Haltung im Gebet aufzeigt, bleibt ein Gebet in erster Linie einfache Kommunikation mit Gott: ohne Zwang und persönlich. Dazu kann man knien oder stehen oder aber liegen, und sei es im Bett. Natürlich kann die äußere Haltung auch Ausdruck der inneren Einstellung sein. Deshalb stehen manche aus Ehrfurcht beim Gebet. Andere setzen sich, um sich besser konzentrieren zu können. Wieder andere knien oder liegen, um ihre Hingabe an Gott auszudrücken oder heben die Hände als Zeichen von Offenheit und Empfangsbereitschaft. Die äußere Form kann also sehr unterschiedlich sein und sollte schlicht zu dem passen, was mich gerade bewegt. Trotzdem sollte Gebet immer persönliche, direkte Kommunikation mit Gott sein.

Gebet ist Ausdruck der Beziehung zu Gott. Einfach, ehrlich und konkret kann ich ihm sagen, was mir wichtig ist. Mit meinen eigenen Worten. Gerade wie ich es möchte und wie es mir auf dem Herzen ist. Das kann ich an jedem Ort und zu jeder Zeit tun: auf der Arbeit, in der Schule, im Freien. In freier Zeit oder mitten in der Hektik des Alltags. Kurz oder lang, laut oder leise. Alleine oder mit anderen zusammen.

Ich bin verabredet – mit Gott

Wie in jeder Beziehung ist es wichtig, sich Zeiten der Ruhe zu nehmen, die man bewusst alleine mit Gott verbringt. Feste Zeiten können helfen, aus dem Gebet eine Gewohnheit zu machen.

Neben der Ruhe, die wichtig ist, um sich auf Gott auszurichten, können auch der Zeitpunkt und der Ort eine Rolle spielen. Darum sollte sich jeder persönlich fragen, wann und wo er sich am besten auf Gott konzentrieren kann. Das kann in einer Kirche sein, in der Natur oder zu Hause auf dem Sofa. Man kann auch lernen, sich im Alltag auf Gott auszurichten: wenn die Kinder in der Schule sind, morgens vor Tagesbeginn oder in den stillen Abendstunden.

Wie gestalte ich mein Gebet? Formen von Gebet

Allein im sogenannten „Gebetsbuch der Bibel“, den Psalmen, finden sich viele Gebetselemente: Lob, Dank, Bitte, Klage, Bitte um Vergebung und Meditation. Durch diese verschiedenen Ausdrucksformen, mit Gott zu reden, wird Gebet vielseitig. Im meditativen Gebet zum Beispiel dominiert die Stille, das Nachdenken, das Hören auf Gott. In einem Psalm heißt es ähnlich: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden.“ (Psalm 46,11)

Selbst diese verschiedenen Möglichkeiten können noch unterschiedlich gefüllt werden. Einige bevorzugen zum Beispiel vorformulierte Gebete. Sie haben den Vorteil, dass ihr Inhalt und ihre Form helfen, Gott Dinge so zu sagen, wie sie es alleine vielleicht nicht gekonnt hätten – gerade wenn es ihnen besonders gut oder schlecht geht. Außerdem können vorformulierte Gebete sehr gut in Gemeinschaft gebetet werden. Beliebt sind auch die biblischen Psalmen und das Vaterunser.

Selbst formulierte, meist frei gesprochene Gebete haben allerdings den Vorteil, dass sie persönlicher sind und die eigenen Gefühle und Anliegen oft genauer wiedergeben können. Ein einfaches, konkretes Beispiel könnte dieses spontane Gebet vor einem wichtigen Meeting sein: „Lieber Vater, schon die ganze Woche bereite ich mich auf dieses Meeting vor. Es ist sehr wichtig. Bitte gib mir die nötige Spannkraft und Konzentration dafür. Bitte hilf, dass die wichtigen Punkte gut rüberkommen und wir gemeinsam weiterkommen. Amen.“

Meist ist es gut, eine gesunde Mischung zu finden. So wie es zu einem selbst passt. Das kann zu verschiedenen Anlässen und Zeiten unterschiedlich aussehen.

Auch in der Gemeinschaft sind die verschiedenen Elemente und Formen von Gebet möglich. Gerade gemeinsames Beten ist wichtig und wird in der Bibel mit besonderen Versprechen Gottes versehen. Es ergänzt das eigene Gebetsleben. Nicht ohne Grund hat Jesus den Christen das Vaterunser in der „Wir-Form“ gegeben. Durch andere Menschen erschließen sich im Gebet auch neue Sichtweisen auf Umstände. Gemeinsames Beten kann Ermutigung, Austausch und tiefe menschliche Gemeinschaft schenken. Auch ein persönlicher Gebetspartner, mit dem man sich regelmäßig trifft, kann sehr hilfreich sein. Im gemeinsamen Gebet erhalte ich auch wichtige Impulse, um Gott immer besser kennenzulernen. Ich erfahre, wie andere Menschen Gott erleben. So ergibt sich ein größeres, kompletteres Bild von Gott, wenn jeder seine persönlichen Aspekte ins Gebet einbringt.

Damit ist längst nicht alles zum Gebet gesagt, es gibt noch unzählige Tipps und relevante Bibeltexte. Das Wichtigste ist, einfach anzufangen. Warum nicht gleich jetzt und hier mit Hilfe unseres Kurses "Das Gebets-Experiment"? Gott ist nur ein Gebet weit entfernt.

Oder Sie lassen zunächst einmal für sich beten. Jeden Mittwochabend beten die Radiomoderatoren von ERF Pop in der Sendung "Das Gebet" für Ihre Anliegen. Ob anonym, mit Namen, welches Anliegen, ganz egal. Mehr Infos gibt es unter www.erfpop.de/gebet.

 

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