Die Bibel und die Sache mit dem Sex

Christen und Sexualität – da war doch irgendwas komisch. Muss man sich da nicht an bestimmte Regeln halten? Oder sieht Gott die Sache mit dem Sex gar nicht so eng?

Sexualität – gar nicht mal so schlecht

„So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau. Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: „Seid fruchtbar und vermehrt euch!“ Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und sah: Es war alles sehr gut.“ (aus 1. Mose 1)

Sexualität – was ist das eigentlich? Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Geschlechtlichkeit“. Dabei geht es nicht nur um das Körperliche, also wenn man sich küsst, kuschelt oder miteinander schläft. Bei der Sexualität geht es um den ganzen Menschen, um das, was ihn als Mann und Frau und in seiner Persönlichkeit ausmacht.

Dieses Bild findet sich auch in der Bibel. Von den ersten Seiten an beschreibt sie den Menschen als ein sexuelles Wesen. Gott selbst hat die Sexualität geschaffen. Er wollte, dass es Mann und Frau gibt, dass sie sich gegenseitig ergänzen, unterstützen und ihr Leben miteinander teilen. Ausdrücklich wird gesagt, dass Gott die Geschlechtlichkeit des Menschen sehr gut findet.

Sie hat also nichts Anrüchiges oder Schmutziges an sich, sie wird weder vergöttert noch verteufelt: Ihre Schönheit wird im Hohelied beschrieben, vor ihren Gefahren wird zum Beispiel in Sprüche 5 gewarnt. Diese beiden Leitplanken ziehen sich durch die ganze Bibel. Dazwischen gibt es eine Menge Freiraum, in dem jedes Paar in der Verantwortung vor Gott selbst entscheiden kann, wie es seine Sexualität gestaltet. Die angeführten Punkte dieses Artikels möchten dazu eine Hilfestellung geben. Einleitend wird jeweils ein Bibelvers zitiert, der die verschiedenen Schwerpunkte thematisch anreißt.

Sex und die Sehnsucht nach Geborgenheit

„Isaak führte Rebekka in das Zelt seiner Mutter Sara. Er nahm sie zur Frau und gewann sie lieb.“ (1. Mose 24,67)

Im Alten und Neuen Testament wird der Geschlechtsverkehr ganzheitlich gesehen. Es geht nicht nur darum, dass zwei Menschen miteinander schlafen. Es geht darum, dass man sich durch die körperliche Intimität als ganze Person näherkommt. Das hebräische Verb „jada“ und das griechische „ginosko“, die im Alten und Neuen Testament oft für Sex verwendet werden, bedeuten „kennen, kennenlernen, wahrnehmen“. Durch diese Art von Kennenlernen werden Mann und Frau auf eine ganz besondere Art und Weise miteinander vertraut.

Sex beschreibt in der Bibel also mehr als zwei Menschen, die sich gegenseitig körperlich erregen und miteinander schlafen. Es geht um eine körperliche und seelische Verbindung, die Mann und Frau gemeinsam erleben. Die beiden werden mit Körper und Seele eins. „Eins werden“ meint einen Prozess des Zusammenwachsens: Einen gemeinsamen Namen teilen, in einer gemeinsamen Wohnung leben, gemeinsam eine Lebensvision entwerfen und miteinander schlafen, sind Teilaspekte davon.

Gott hat dem Menschen den körperlichen Aspekt der Sexualität bewusst geschenkt. Anders als bei den Tieren geht es nicht nur um Triebbefriedigung oder Fortpflanzung. Gott möchte, dass durch den Sex eine tiefe Beziehung zwischen Mann und Frau entsteht. In dieser Beziehung soll die Sehnsucht des Menschen nach Liebe, Annahme und Geborgenheit ein Stück weit gestillt werden (1. Mose 2,18-25).

Wenn es knistert und funkt

Nicht nur Sex ist nach der Bibel ein Geschenk von Gott. Das gleiche gilt für die Erotik: „Verzaubert hast du mich, Geliebte, meine Braut! Ein Blick aus deinen Augen und ich war gebannt. Sag, birgt er einen Zauber, an deinem Hals der Schmuck? Wie glücklich du mich machst mit deiner Zärtlichkeit! Mein Mädchen, meine Braut, ich bin von deiner Liebe berauschter als von Wein. Du duftest süßer noch als jeder Salbenduft. Wie Honig ist dein Mund, mein Schatz, wenn du mich küsst, und unter deiner Zunge ist süße Honigmilch. Die Kleider, die du trägst, sie duften wie der Wald hoch auf dem Libanon.“ (Hohelied 4,9-11)

Was sich anhört, wie ein Gedicht von Goethe, stammt aus dem Hohelied – einem Buch der Bibel. Das ganze Buch beschreibt die Liebe in einer sehr poetischen Sprache und lässt die körperlichen Reize nicht außen vor. Mann und Frau genießen die Nähe des Anderen und fühlen sich zueinander hingezogen. Sie sehnen sich nacheinander und haben nur Augen füreinander. Die Liebe zwischen Mann und Frau wird als etwas ganz Besonderes beschrieben, das sich mit kaum etwas anderem auf dieser Erde vergleichen lässt.

Gott hält den erotischen Aspekt der Sexualität nicht für zu unheilig, um ihn in der Bibel zum Thema zu machen. Im Hohelied wird klar, dass Zärtlichkeit und körperliche Anziehung zu Gottes Geschenkpaket der Sexualität dazugehören.

Hoch- und Tiefzeiten gehören zusammen

„Wenn ein Mann ein unberührtes Mädchen verführt, muss er den Brautpreis bezahlen und sie heiraten.“ (2. Mose 22,15)

Sex und Erotik gehören nach Gottes Absicht zu einer gesunden Beziehung dazu. Sie würzen das Zusammenleben und sorgen für Tiefgang und Stabilität. Damit das so bleibt, bzw. für Singles in einer späteren Beziehung so werden kann, hat Gott Spielregeln gegeben.

Die wichtigste davon lautet, dass ein Paar seine Sexualität so gestaltet, dass keiner der beiden dabei körperlich oder seelisch zu Schaden kommt oder verletzt wird. Das gegenseitige Vertrauen und die Nähe, die durch Sex und Erotik entstehen, soll nicht zerstört werden. Beide Partner sollen füreinander da sein und Verantwortung füreinander übernehmen – und das nicht nur in der sexuellen Beziehung, sondern auch im Alltag. Das schwingt zum Beispiel in dem hebräischen Wort „jada“ mit, das auch „sich kümmern um“ bedeuten kann.

Wie gestaltet man einen solchen Schutzraum am besten? Nach biblischem Verständnis ist die Ehe dafür am ehesten geeignet und sie ist auch das, was Gott vom Menschen möchte. Durch das Ehegelöbnis versprechen sich Mann und Frau, dass beide zueinanderstehen und sich treu sein werden. Diese gegenseitige Treue macht es möglich, dass man sich dem anderen seelisch und körperlich ohne Vorbehalte und Angst öffnen kann. Sexualität und Ehe, Intimität und Verantwortung gehören nach Gottes Willen zusammen.

Der Schutzraum einer Ehe ist aber nicht nur für die Partner wichtig: Auch mögliche Kinder sind in ihm gut aufgehoben und erfahren die Stabilität einer Familie. Wenn ein Paar heiratet, setzen sie zudem nach außen ein Zeichen. Durch den öffentlich-rechtlichen Charakter signalisiert eine Ehe den Menschen um das Paar herum, dass dieser Mann oder diese Frau bereits vergeben ist.

Es wird immer wieder gefragt, wo in der Bibel genau steht, dass die Ehe die Grundlage dafür ist, dass Mann und Frau diese tiefe körperliche und seelische Einheit eingehen. Um eine Antwort darauf zu finden, muss man sich anschauen, was die Bibel unter einer Ehe versteht. Eine Hochzeit bedeutete nach biblischem Verständnis Folgendes: Ein Mann und eine Frau verlassen ihre Eltern, um gemeinsam eine neue Kernfamilie zu gründen. Die Hochzeit war gleichzeitig aber auch die Grundlage dafür, dass eine solche neue Einheit überhaupt gebildet werden konnte (Matthäus 19,4-6). Schliefen ein Mann oder eine Frau zusammen, ohne dass sie miteinander verheiratet waren, dann wurde das Unzucht genannt. Immer wieder wird beschrieben, dass ein solches Verhalten in Gottes Augen nicht richtig ist.

Im Alten Testament findet sich für Unzucht das hebräische Wort „zanah“. Es meint zum einen „huren“ oder „Hurerei treiben“, aber gleichzeitig auch jede sexuelle Beziehung, die vor oder außerhalb der Ehe stattfindet. Zur Zeit Jesu kann das gleiche gesagt werden. Im Neuen Testament wird dafür das griechische Wort „porneia“ verwendet. Es meint zum einen Prostitution, zum anderen aber auch vor- und außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Vorsicht, freche Füchse!

„Ach, fangt uns doch die Füchse, die frechen, kleinen Füchse! Sie wühlen nur im Weinberg, wenn unsre Reben blühn.“ (Hohelied 2,15)

Schon die Liebenden im Hohelied wussten, dass es Dinge gibt, die ihrer Liebe gefährlich werden. So, wie Füchse einen Weinberg durchwühlen und die Reben gefährden, können andere Menschen versuchen, in eine Ehe einzudringen. Oder ein Partner bricht aus der Ehe aus, weil er sich nicht mehr geliebt fühlt. Wenn es in einer Beziehung kriselt, kann es schnell passieren, dass eine andere Frau attraktiver wirkt als die Ehefrau, ein anderer Mann anziehender als der eigene Partner.

Gott ist sehr realistisch. Er weiß, wie wir gestrickt sind. Deswegen wird er auch nicht müde, uns vor Ehebruch zu warnen (Matthäus 5,27-32). Es geht ihm dabei nicht darum, uns in einer kaputten Beziehung festzunageln. Stattdessen will er, dass wir die Füchse rechtzeitig bemerken und sie aus unserem Weinberg vertreiben.

Diese Füchse, um in diesem Bild zu bleiben, können ganz unterschiedlich aussehen. Wenn man sich auf eine Affäre einlässt, ist es ziemlich offensichtlich, dass etwas nicht stimmt. Aber auch Selbstbefriedigung und Pornographie können dem Weinberg schaden. Bei beiden geht es vor allem um die Befriedigung der eigenen Lust. Es entsteht keine Nähe oder eine Vertrautheit zu einem Partner. Man bleibt alleine. Das „Gedankenkino“, das sich dabei oft abspielt, nährt sich von der Vorstellung, mit dem Körper eines anderen Menschen das machen zu können, was man möchte. Der richtige Partner kann dem oft nicht das Wasser reichen. Die sexuelle Beziehung mit ihm wird langweilig. Entdeckt ein Partner den Pornokonsum des anderen oder merkt, dass er sich oft selbstbefriedigt, fühlt er sich meistens verletzt und abgewertet. Für den Partner, der betroffen ist, besteht die Gefahr eines Suchtverhaltens.

Auch Singles sind vor diesen Füchsen nicht gefeit. Bei ihnen kann es ebenfalls passieren, dass ihre Sexualität durch Pornographie und Selbstbefriedigung auf ein bestimmtes Muster gepolt wird, das später einem erfüllten Intimleben in der Ehe im Weg steht.

Was tun, wenn Ehebruch, Selbstbefriedigung oder Pornographie im eigenen Leben ein Thema sind? Mit praktischen Tipps alleine ist es nicht getan, obwohl sie wertvoll sind. Hilfreich ist es, einen Menschen ins Vertrauen zu ziehen, mit dem man über seine Probleme reden kann. Außerdem kann man Gott bitten, dass er dabei hilft, Wege aus diesem Verhalten zu finden und sie auch zu gehen. Wenn die Füchse schon einiges an zerstörerischer Arbeit geleistet haben, ist es am besten, wenn man sich bei einem Seelsorger oder Paar-Therapeuten professionelle Hilfe holt.

Geschenkanweisung

„Lass mich deinem Herzen nahe sein, so wie der Siegelring auf deiner Brust. Ich möchte einzigartig für dich bleiben, so wie der Siegelreif um deinen Arm. Unüberwindlich wie der Tod, so ist die Liebe, und ihre Leidenschaft so unentrinnbar wie das Totenreich! Wen die Liebe erfasst hat, der kennt ihr Feuer: Sie ist eine Flamme Gottes! Mächtige Fluten können sie nicht auslöschen, gewaltige Ströme sie nicht fortreißen. Böte einer seinen ganzen Besitz, um die Liebe zu kaufen, so würde man ihn nur verspotten.“ (Hohelied 8,6-8)

Dieser Text aus dem Hohelied beschreibt eindrücklich, wie wunderschön Sexualität und Liebe sein können – und dass Gott ihr Urheber ist. Jeder einzelne kann etwas dafür tun, dass diese Flamme Gottes in seinem Leben brennt und nicht verlöscht. Ein Single kann sich darum bemühen, sein Feuer nicht schon vor der Ehe zu entfachen, indem er enthaltsam lebt. Ein Ehepaar kann sich überlegen, ob es in ihrer Beziehung Bereiche gibt, wo das Feuer zu erlöschen droht.

Beides – Enthaltsamkeit und die Arbeit an einer bestehenden Ehe – ist nicht leicht. Wer versucht, so zu leben, merkt, dass er an die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten stößt. In solchen Situationen können wir Gott um Hilfe bitten. Er gibt uns nicht erst Spielregeln vor und lässt uns dann im Regen stehen, wenn es um die praktische Umsetzung geht. Weil er der Schöpfer der Ehe und der Sexualität ist, möchte er, dass Menschen sie auch als Geschenk erleben können. Er ist bereit zu helfen. Unsere Aufgabe ist es, ihn darum zu bitten und offen für sein Wirken zu sein.

C.S. Lewis hat sich dazu einige hilfreiche Gedanken gemacht. Sie sollen diesen Artikel umrahmen und zusammenfassen: „Wir können allerdings sicher sein, dass vollkommene Keuschheit (d.h. Enthaltsamkeit) – wie vollkommene Liebe – durch keine rein menschliche Anstrengung zu erreichen ist. Wir müssen Gott um Hilfe bitten. Und wenn wir das getan haben, kann es uns lange Zeit so scheinen, als erhielten wir diese Hilfe nicht oder als erhielten wir weniger, als wir brauchen. Aber das darf uns nicht entmutigen. Es gilt, nach jedem Versagen um Vergebung zu bitten, sich aufzuraffen und es nochmals zu versuchen. Oft will uns Gott zunächst nicht zu der Tugend selbst verhelfen, sondern er will uns die Kraft geben, nicht aufzugeben. [...] Wir erkennen einerseits, dass wir uns nicht einmal in unseren besten Momenten auf uns selbst verlassen können; andererseits sehen wir, dass wir auch in den schlimmsten Momenten nicht zu verzweifeln brauchen; denn unser Versagen ist vergeben. Verhängnisvoll wäre es nur, uns mit der Unvollkommenheit zufriedenzugeben.“

 

C.S. Lewis, Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben, Brunnen Verlag Basel, 1977, S. 97f.